In ihrer Abschiedsvorlesung plädiert Monika Wohlrab-Sahr (2026) dafür, Distanz als wissenschaftliche Grundhaltung zu verstehen. Distanz als Passion ist es, was für sie, in Anspielung auf Niklas Luhmann, Wissenschaft ausmacht. Dabei konstatiert sie, dass diese Distanznahme nicht eine einheitliche Form haben muss. Vielmehr kann diese in unterschiedlichen wissenschaftlichen Zugängen durchaus unterschiedlich aussehen – etwa in der standardisierten Sozialforschung in einer Mathematisierung des Gegenstandes liegen, in qualitativer Forschung in einer physischen Entfernung von Feld und in „befremdenden“ Metaphern, wie sie etwa bei Goffman zu finden sind (Hirschauer & Amann 1997, Goffman 1959, Laube 2022).
„Kritik als Distanz. Zum epistemologischen Potenzial kritischer Wissenschaft“ weiterlesenChecking AI? Warum wir eine Diskursanalytische Aufklärung brauchen
Im Rahmen des DiscourseNet Workshops „The Digitalization of the Knowledge Economy: how AI is changing our view on the world“ für frühe Forschungsideen zu KI und Diskurs, durfte ich ein paar Überlegungen zu impliziten Annahmen über Texte, Autor*innen und Leser*innen in aktuellen Guidelines zur KI-Nutzung in Forschungsanträgen und deren Evaluation vorstellen. Ich konstatiere dabei, dass Vorstellungen über Texte, ihre Wahrheit und ihre Subjekte vorherrschen, die weit hinter den Wissensstand von Diskursanalyse, Wissenssoziologie und Science and Technology Studies zurückfallen. Vor diesem Hintergrund plädiere ich für mehr diskursanalytische Aufklärung. Eine überarbeitete Version des englischen Vortrags findet ihr hier.
Die Vergesellschaftung „sozialer“ Medien – das Fediverse
Dieser Post ist Teil der Beitrags „Strategien gegen Internetparolen“.
Bei den bisherigen Überlegungen und Tipps zum Umgang mit Parolen in heutigen Sozialen Netzwerken haben wir uns mit Taktiken begnügt, wie man innerhalb des gegebenen Kontexts eines kommerziellen Mediums gegen Hass und Hetze vorgehen kann. Aber ist es sinnvoll, diese Netzwerke mit ihren Algorithmen als selbstverständlichen Ort anzunehmen, an dem wir mit anderen in Austausch kommen? Bildlich gesprochen haben wir uns daran gewöhnt, uns online der Halböffentlichkeit von Shopping-Malls zu treffen, in denen wir gezielt von Werbebotschaften beschallt werden, von Videokameras überwacht werden und auf den Goodwill von Security-Mitarbeiter*innen angewiesen sind, die uns ohne genauere Begründung mit Verweis aufs Hausrecht rausschmeißen können. Aber warum soll es uns nicht gelingen, soziale Medien als ein wirklich öffentliches Gut zu entwickeln? Als einen wirklich öffentlichen Marktplatz, oder wie man in Anschluss an die griechische Demokratie sagen könnte, eine Agora?
„Die Vergesellschaftung „sozialer“ Medien – das Fediverse“ weiterlesenBüroachitektur als Diksursmaschinen?
Ich durfte Aspekte meiner Forschung für meine Dissertation im Open DiscourseNet Seminar vorstellen. Falls ihr euch dafür interessiert, wie Büroräume als Orte der produktiver Kommunikation diskursiv und praktisch hervorgebracht werden, dann könnt ihr den Vortrag hier Nachschauen …
Entfristungsgebot = Beschäftigungsverbot? Warum wir die Universitäten nicht aus der Pflicht entlassen sollten
In ihrer Kolumne zu den „Kosten zweckwidrigen Rechts am Beispiel des WissZeitVG“ kritisiert Marietta Auer die Bemühungen um eine Beschränkung der Befristung im Wissenschaftsbetrieb. Mit Verweis auf ihre eigenen Erfahrungen stellt sie fest, nicht Befristung der Beschäftigungsverhältnisse habe ihre Situation als Wissenschaftlerin prekär gemacht, sondern das „Damoklesschwert[s] der zwölfjährigen Höchstfrist nach dem WissZeitVG, nach deren Ablauf man sang- und klanglos aus der Universität hinausgeworfen wird, egal was man bis dahin in der Wissenschaft geleistet hat …“ (Auer 2025: 52). Auer greift eine durchaus verbreitete Metapher auf, wenn sie die durch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) festlegte Höchstbefristungsdauer als „ein faktisches Berufsverbot für Nachwuchswissenschaftler“ beschreibt. (Auer 2025: 53).
„Entfristungsgebot = Beschäftigungsverbot? Warum wir die Universitäten nicht aus der Pflicht entlassen sollten“ weiterlesenGegenrede sichtbar machen – Grenzen kennen
Aus Online-Diskussionen gehen wir regelmäßig frustriert heraus. Die Diskussion hat nirgendwohin geführt, der „Gegner“ hatte zwar keine Argumente, hat aber gefühlt gewonnen, wir konnten unser Gegenüber nicht überzeugen …
„Gegenrede sichtbar machen – Grenzen kennen“ weiterlesenVon der Reaktion zur Aktion – die Strategie Erster Kommentar
Aufgrund der schieren Mengen von abwertenden Äußerungen, Stereotypen und Beleidigungen im Netz, kommt man, wenn man diese nicht einfach stehen lassen will, schnell in einen Modus, in dem man immer „nachziehen“ muss, von den Parolen der anderen getrieben ist. Eine Zeit lang habe ich eine absichtliche Gegenstrategie ausprobiert: die Strategie des ersten Kommentars. Anstatt auf erwartbare Hetze zu warten (etwa, wenn eine neue Unterkunft für Geflüchtete gebaut wird), habe ich selbst mit einem positiven Kommentar angefangen, und dann länger nicht nach den Kommentaren geschaut. Diese Strategie hat eine Reihe von Vorteilen.
„Von der Reaktion zur Aktion – die Strategie Erster Kommentar“ weiterlesenStrategien gegen Internetparolen
Unter dem Titel „Strategien gegen Internetparolen“ möchte ich in loser Folge Blog-Posts versammeln, die sich damit beschäftigen, wie wir im Internet plumpen, stereotypen und diskriminierenden Äußerungen begegnen können. Ein solches Vorhaben wird vermutlich schnell als aussichtslos erscheinen. Angesichts immer weiter nachquellender Dummheiten und Niederträchtigkeiten, mag es erscheinen, dass Sisyphos eher seinen Stein auf den Berg gerollt hat, ehe man irgendetwas gegen Parolen im Netz ausgerichtet hat. Aber Strategien gegen Internetparolen sollen genau auch das umfassen. Es geht nicht nur darum, möglichst schlagfertig auf Hetze zu antworten und in permanenter Gegenrede-Arbeit zu versinken – sondern die Mechanismen zu verstehen, die Gegenrede erschweren und eine realistische Einschätzung zu gewinnen, was Gegenrede im Netz vermag. So soll verhindert werden, dass man dauerhaft ausgelaugt und enttäuscht „vom Platz“ geht.
„Strategien gegen Internetparolen“ weiterlesen„Because it’s 2024!“ Oder: Warum der Fortschritt uns nicht retten wird
Wir lassen uns immer noch überraschen, dass rechte oder religiöse Kreise Dinge vertreten die wir als vorgestrig erachten. Am deutlichsten wird diese Haltung, die reaktionäres Denken immer schon als eigentlich auf verlorenem Posten versteht, weil aus der Zeit gefallen, in der Begründung, dass dies oder jenes selbstverständlich sei, weil es eben das Jahr 20XY sei. Kurzfristige Bekanntheit bekam etwa der kanadische Premierminister Justin Trudeau, als er die Frage, warum sei Kabinett geschlechtlich paritätisch besetzt war, lapidar beantwortete mit: „Because it’s 2015“.
Bei dieser Haltung, die von eine mit der Zeit automatisch verbürgten sozialen Fortschritt impliziert, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit, die wir „heute“ überwunden zu haben meinen. Denn dann fällt auf, dass auch damals entsprechendes schon aus der Zeit gefallen schien – und eben doch zum Signum eben jener Zeit werden konnte.
„„Because it’s 2024!“ Oder: Warum der Fortschritt uns nicht retten wird“ weiterlesenDie rekursive Differenzierung von Theorie, Quantitativer und Qualitativer Sozialforschung
In einem kürzlich in der Zeitschrift SOZIOLOGIE erschienenen Beitrag im Rahmen einer Artikel-Serie zu Erneuerung der soziologischen Methodenausbildung, sprechen sich gegen die Arbeitsteilung zwischen Theorielehrstühlen und Lehrstühlen für Quantitative Methoden und für Qualitative Methoden aus. Sie argumentieren, dass empierischer Erhebungsverfahren und deren Daten immer schon theoretisch geprägt sind und dass auch die quantitative Sozialforschung die spezifischen Eigenschaften und Kontexte ihrer Gegenstände berücksichtigen muss, weshalb sie nicht jenseits qualitativer Forschung zu denken ist (von Carnap/von Carnap/Behrens 2024). Dies ist einerseits richtig, verkennt andererseits aber die Legitimität einer rekursiven Differenzierung.
„Die rekursive Differenzierung von Theorie, Quantitativer und Qualitativer Sozialforschung“ weiterlesen
