Backstage
Soll der Hass weiter auf seiner Bühne tanzen. Die eigentlichen Stars der Show vergnügen sich von nun an Backstage.
Micha lehnt vorm Sponholz am Zaun. Dahinter frisst die nasse Kälte Tische und Stühle auf, sie versuchen auf der Terrasse zu überwintern. Wir rauchen und ich sage: „Wegen Mittwochs mit Micha bin ich mir nicht mehr sicher. Ob es noch funktioniert. Die Intensität nimmt zu, aber ich bin kein Freund von Grausamkeits-Exhibitionismus. Der Hass aka Gammel nimmt immer mehr Raum ein. Aber die Idee war ja, ihm keine Bühne zu geben. Was noch schreiben? Über unsere Freundschaft, unsere Gespräche? Auch die werden intensiver und damit eher not for the public, finde ich. Hass und Liebe steigern sich gleichzeitig. Aber das geht die Leute doch nix an?!“
„Alles gut. Mach, wie es sich ergibt. Vielleicht kommt Dir dann oder wann ein Gedanke, und dann schreibst Du ihn auf. Und wenn nicht, dann nicht. Hauptsache kein Stress“, sagt Micha.
„Hauptsache kein Stress.“
Am Zaun hängt ein brauner Plastikblumenkasten, darin steht einer dieser deutschländischen runden Glasaschenbecher.
„Viel wichtiger ist die Frage, wie wir demnächst ins Sponholz kommen. Die Stufen sind zu hoch für den Rollstuhl, aber es gibt diese Klapprampen von wheelmap. So eine holen wir uns! Und so cool, wie Dienstags-Julia aus dem Sponholz und der eine Besitzer sind – immer noch keine Ahnung, wie der heißt – die geben bestimmt was dazu.“
„Auf jeden! Sponholz geht immer!“
Micha hakt sich unter, ich mach den Kran und wir nehmen die Treppen zurück in die Kneipe. Drinnen erleben wir einen dieser Dreistundenmomente.
Denn eins bleibt noch
für gemeinsames Glück
Der Geist und sein Universum
Am liebsten leicht entrückt.
…
In den Tagen danach führt mich eine Recherche zur inneren Wut zum Konzept der Reaktanz. Assoziation dazu bislang: Das Kleine Arschloch stürmt während eines Gottesdienstes durch den Mittelgang nach vorne, dreht sich um und schreit die versammelte Glaubensgemeinde an: „Ihr habt alle gefickt!” Gibt es wirklich, die Folge.
Im Wikipedia-Artikel zu Reaktanz kommen im Abschnitt „Literarische Beispiele für reaktantes Verhalten” Romeo und Julia und Tom Sawyer vor, nicht jedoch das Kleine Arschloch von Walter Moers.
Weiter heißt es: „Sie ähnelt dem Trotz, wobei Trotz jedoch auch aus anderen Gründen als der Beschneidung von Freiheit auftreten kann.“
Beschneidung von Freiheit. Das ist es! Der Hass schneidet uns immer mehr von der Freiheit ab, miteinander Spaß zu haben auf „dem einzigen bewohnten Vergnügungspark im All.“1
Weiter: Reaktanz sei ein wichtiges Reaktionsmuster auf äußeren Druck oder Einschränkungen. Haha! Äußerer Druck oder Einschränkungen.
Einschränkungen!
Psychologische Reaktanz sei die Motivation zur Wiederherstellung eingeengter oder eliminierter Freiheitsspielräume. Als Reaktanz im eigentlichen Sinne bezeichne man dabei nicht das ausgelöste Verhalten, sondern die zugrunde liegende Motivation oder Einstellung.
Dies bezogen auf Mittwochs mit Micha: Der Autor will nicht weiterschreiben, weil der Hass seine Freiheitsspielräume, in diesem Fall Schreibspielräume einschränkt. Die Amyotrophe Lateralsklerose, deren Abkürzung ALS zu zwei Dritteln aus der Hälfte der Buchstaben des Wortes HASS besteht, übt immer mehr Druck auf alles aus. Drängt sich weiter in den Vordergrund. Will mit all ihrem Leid und Elend gesehen werden.
Aber nicht mit uns. Wir geben dem Hass keine Bühne. Wir verziehen uns in den Backstage-Bereich. Dort hören wir Hope Sounds Good vom neuen Extrawelt-Album. Das Lied direkt danach heißt Hurt.
Mal sehen, wann hier die nächste Folge erscheint. Ich hab erstmal Reaktanz. Peace.
…
Derweil 1: Auf Insta spielt Micha die Hauptrolle des Accounts liebe.leben.als. Zu starker Tobak für mich, dieser Kampf, aber wichtig: Fight till you die.
Derweil 2: Deep shit ganz flach mit Richtungswechsel. Einst schrieb ich dort zu Entropie, unserem Bewusstsein und dergleichen. Nun öffne ich den eingeengten Themenspielraum für fiktionales und verrückte Formate. Seid gespannt.
So nenn Clemens J. Setz unseren Planeten in seinem Buch BOT.



