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	<title>IBA’27 Wissensdatenbank</title>
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	<title>IBA’27 Wissensdatenbank</title>
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		<title>Im Gespräch: Prof. Christof Ziegert über Lehmbau, Baukultur und mutige Entscheidungen</title>
		<link>https://knowledge.iba27.de/im-gespraech-prof-christof-ziegert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Jul 2025 07:32:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Materialgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Unkategorisiert]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Prof. Dr.-Ing. Christof Ziegert ist Bauingenieur, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Lehmbau sowie Geschäftsführer von ZRS Architekten Ingenieure in Berlin. Seit den 1980er Jahren engagiert er sich für eine ressourcenschonende Bauweise mit Lehm, Holz und anderen naturbasierten Materialien. Im Gespräch mit Nina Grunberg spricht er über Pionierarbeit im Lehmbau, politische Hebel für die Bauwende [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://knowledge.iba27.de/im-gespraech-prof-christof-ziegert/">Im Gespräch: Prof. Christof Ziegert über Lehmbau, Baukultur und mutige Entscheidungen</a> erschien zuerst auf <a href="https://knowledge.iba27.de">IBA’27 Wissensdatenbank</a>.</p>
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<p><em>Prof. Dr.-Ing. Christof Ziegert ist Bauingenieur, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Lehmbau sowie Geschäftsführer von ZRS Architekten Ingenieure in Berlin. Seit den 1980er Jahren engagiert er sich für eine ressourcenschonende Bauweise mit Lehm, Holz und anderen naturbasierten Materialien. Im Gespräch mit Nina Grunberg spricht er über Pionierarbeit im Lehmbau, politische Hebel für die Bauwende und das zirkuläre Potenzial eines vermeintlich altmodischen Baustoffs. Das Interview entstand im Frühjahr 2025 im Zuge der Materialrecherche für die IBA’27 durch Biobased Creations.</em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Beschreiben Sie Ihren persönlichen Hintergrund/Lebensweg, wie Sie in die Welt des nachhaltigen Bauens gekommen sind und was Ihre derzeitige Rolle/Berufsbezeichnung ist? </h4>



<p><em>Christof Ziegert: </em>Bereits in meiner Jugend hat mich das Waldsterben der 1980er Jahre zum ziemlich konsequenten Öko werden lassen. Ich freue mich, dass ich neben der privaten Lebensweise auch mit unserem Unternehmen ZRS weltweit mit Lehm und Holz bauen kann und mit dem nachhaltigen Bauen 75 MitarbeiterInnen ihr Geld verdienen. Als Diplom Ingenieur und Mitbegründer bin ich einer der Geschäftsführer von ZRS Architekten Ingenieure. </p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Als ich Mitte der 90er Jahre meine Diplomarbeit zum Lehmbau fertiggestellt hatte, wurde mir vom Betreuer noch empfohlen, dass ich nun auf Beton umschwenken sollte, damit ich auch mal eine Familie ernähren könnte. Im Nachhinein der beste Antrieb für mich nach dem Motto, dem zeige ich es!</strong>«<br><em>Prof. Christof Ziegert</em></p>



<p>Mein erster Kontakt mit einer Lehmbaustelle war 1986 in meiner Ausbildung als Maurerlehrling, wir waren beteiligt an der Restaurierung eines historischen Gebäudes mit Lehmmauerwerk. Danach hat es mich nicht mehr losgelassen.</p>



<p>Auch privat mag ich es mit natürlichen Materialien zu bauen. Wir restaurieren gerade ein kleines Ferienhaus. Und auch unseren Auslandsbaustellen in der Kulturerbeerhaltung versuchen wir zu Trainingszwecken für die lokalen Arbeiter auch noch mitzuarbeiten. Denn im Rahmen unserer Arbeit als Ingenieur:innen im Lehmbau sind wir auch in der internationalen Denkmalpflege und Archäologie tätig. Wir vermitteln das Wissen, was wir zusammengetragen haben aus Handwerk, Architektur und Ingenieurwesen an lokale Arbeiter und Wissenschaftler, die das bauliche Weltkulturerbe vor Ort begleiten.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Was ist das primäre Ziel Ihres Unternehmens und was unterscheidet es von anderen in der Branche?</h4>



<p><em>Christof Ziegert: </em>Seit unserer Unternehmensgründung 2003 versuchen wir konsequent nachhaltige Bauwerke zu planen. Wir waren damals eher die belächelten Spinner. Heute, wo zum Glück viele auf den Zug aufspringen, haben wir natürlich einen guten Vorsprung, den wir gerne beratend und lehrend weitergeben.</p>



<p>Anfangs stießen wir auf viel Skepsis – nachhaltiges Bauen war kaum ein Thema, und Fachwissen im Lehmbau war rar. Deshalb haben wir selbst geforscht, ausprobiert und unser Wissen aufgebaut. Ein erstes Bauvorhaben gab uns die Chance, unsere Ansätze praktisch umzusetzen.</p>



<p>Zunächst kamen vor allem Privatkunden, die gesünder wohnen wollten. Später folgten Unternehmen, die ein nachhaltiges Image suchten. Heute zählen auch öffentliche Auftraggeber zu unseren Kunden – ein großer Wandel in der gesellschaftlichen Wahrnehmung.</p>



<p>Wissenstransfer ist uns zentral wichtig. Wir arbeiten forschungsorientiert, sind stark vernetzt und teilen unser Wissen offen – für eine breite Bewegung im Lehmbau, nicht nur für unseren eigenen wirtschaftlichen Erfolg.</p>



<p>Ich war 20 Jahre im Vorstand des Dachverbands Lehm aktiv, der wesentlich zur Normierung beigetragen hat. Inzwischen geben wir das Feld an die jüngere Generation weiter.</p>



<p>Ich unterrichte an Hochschulen wie der Bauhaus-Universität Weimar, um zukünftige Fachleute im Lehmbau auszubilden. </p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Heute muss ich niemandem mehr erklären, warum Lehmbau sinnvoll ist – wir können direkt in den fachlichen Diskurs gehen.</strong>«<br><em>Prof. Christof Ziegert</em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo sehen Sie die größten Herausforderungen, aber auch mögliche Lösungen in Bezug auf Ihre eigene Arbeit oder den Bereich, in dem Sie direkt tätig sind?</h4>



<p><em>Christof Ziegert: </em>Größtes Hindernis für die breite Anwendung von Lehmbaustoffen sind immer wieder fehlende bauaufsichtliche Verwendbarkeitsnachweise, die einfach noch nicht in der Breite vorliegen, wie in ähnlichen Feldern des Bauwesens, wie z.B. Gipsfaserplatten. Als Vorsitzender vom Normausschuss Lehmbau am DIN und im Sachverständigenausschuss Wandbaustoffe des DIBt versuche ich so schnell als möglich die Situation zu verbessern, aber andere Industrien haben einfach 75 Jahre Vorsprung…</p>



<p>Die Skalierung in der Anwendung könnte schneller verlaufen. Zwar sind Ausbildungen zur Fachkraft Lehm inzwischen ausgebucht und es gibt zahlreiche Weiterbildungen für Architekt:innen und Ingenieur:innen – ein großer Fortschritt im Vergleich zu vor 20 Jahren. Auch Handwerker:innen mit Lehmkenntnissen sind keine Seltenheit mehr. Doch große Gebäude aus natürlichen Materialien zu realisieren bleibt eine Herausforderung.</p>



<p>Was noch die Seltenheit ist, sind große Bauunternehmen, die gemeinsam mit uns den nächsten Schritt wagen. Es geht nicht um exotische Spezialtechniken, sondern um den Einsatz bekannter Bauweisen wie Putz, Trockenbau und Mauerwerk mit anderen, nachhaltigen Materialien. Diese sind bereits normiert, zertifiziert und einsatzbereit.</p>



<p>Wir stellen das nötige Wissen bereit. Nun braucht es mutige Unternehmer:innen, die es anwenden. Einige gehen bereits voran, lassen ihre Mitarbeitenden schulen und setzen Projekte um – doch diese Gruppe darf wachsen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wie beurteilen Sie den Einsatz biobasierter Baustoffe derzeit auf dem deutschen Markt und wie können diese Ihrer Meinung nach im derzeitigen Bauwesen am wirkungsvollsten integriert werden?</h4>



<p><em>Christof Ziegert: </em>Wenn man bedenkt, dass 96 Prozent des deutschen Wohnungsbaus bis einschließlich Gebäudeklasse vier gebaut wird und wir mit Lehmsteinen seit 2023 bis einschließlich Gebäudeklasse vier realisieren dürfen und können, sehe ich ein riesiges Potential, energieintensivere Bauarten zu substituieren ohne Qualität einzubüßen; im Gegenteil!&nbsp;</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo sehen Sie Möglichkeiten, zirkuläre Methoden wie Modularität, Rückbaubarkeit, Wiederverwendung und Recycling mit naturbasierten Produkten oder Anwendungen zu kombinieren?</h4>



<p><em>Christof Ziegert: </em>Die früher belächelte wasserlösliche Bindung von Lehmbaustoffen ist der Schlüssel zum zirkulären Bauen. Lehmbaustoffe sind die einzigen mineralischen Baustoffe, die ohne erneuten Energieeinsatz einer neuen Formgebung und Erhärtung unterzogen werden können und das unendlich oft. Das kann als Mauermörtel und Putz auch dem klassischen Mauerwerk helfen: wenn ich Fuge und Putz vom Kalksandstein oder Hochlochziegel wieder rückstandslos und ohne Beschädigung entfernen kann, können auch diese Produkte wieder »wie neu« verkauft werden.</p>



<p>Wir haben uns auch mit der Frage beschäftigt, wie recyclierte Körnung, also z.B. Betonrecycling und Ziegelsplitt in Kombination mit Lehm verwendet werden können. Die Ergebnisse haben allerdings keine guten Resultate gezeigt.</p>



<p>Das Zufügen von nicht durchkarbonatisierten Betonrecyclat hat eine entfestigende Wirkung auf Lehmbaustoffe. Das hat mit einer chemischen Wechselwirkung mit dem Kationenaustauschvermögen der Tonminerale zu tun. Zudem ist der Gehalt an Schadstoffen im Betonrecyclat oft sehr hoch. Deren Verwendung für Lehmbaustoffe ist dann normativ ausgeschlossen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Welche Strategie oder welche spezifischen Lösungen sehen Sie als entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung der Region Baden-Württemberg oder allgemein in Deutschland an?</h4>



<p><em>Christof Ziegert: </em>Das Land Baden-Württemberg gibt dem Lehmbau zum Beispiel mit jährlichen Lehmbaupreis mehr Sichtbarkeit. Mit Einführung der Gebäudeklasse E werden wir auch mehr mit Lehmbaustoffen umsetzen können, als dies heute der Fall ist. Und schließlich sollte ein niedriger Kohlendioxid-Footprint der Baustoffe auf eine intelligente Art und Weise belohnt werden.</p>



<p>In Baden-Württemberg gibt es viel und guten Lehm, der sehr gut als Baustoff genutzt werden kann. Die Menschen in Baden-Württemberg sind clever und setzen gute Dinge und Ideen sehr schnell um; es steht dem also nichts im Wege. Wir setzen auch bereits viele Bauvorhaben in Baden-Württemberg und in ganz Süddeutschland um. Auch in der Bildung findet viel statt zu diesem Thema. In Biberach kann man sich z.B. zur Fachkraft Lehm ausbilden lassen und in den Hochschulen von Stuttgart, Karlsruhe und Biberach gibt es Kurse zum Thema Lehmbau. Auch die Architekten- und Ingenieurkammern sind sehr offen in Baden-Württemberg.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Call for action: Was ist Ihr Wunsch, was sollten die Akteur:innen im Bauwesen heute tun, um ihre Projekte mit natürlichen und kreislauffähigen Baustoffen zu realisieren?</h4>



<p><em>Christof Ziegert: </em> Offen sein und den inneren Schweinehund überwinden! Wir als im Hochbau tätige Architekt:innen und Ingenieur:innen müssen umso konsequenter umsteuern, da es im Tiefbau viel schwieriger ist, den Footprint zu senken. Aber eine klassische Mauerwerkswand, die außen gedämmt und verputzt ist, kann jetzt aus Lehmsteinen gebaut werden statt aus Ziegeln und damit kann 70 Prozent Primärenergie eingespart werden.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Baut Wohnungen, Kindergärten, Schulen, Büros etc. mit Lehm, Holz, Stroh &amp; Co! Es geht, kann gut aussehen und man kann sich wohlfühlen!</strong>«<br><em>Prof. Christof Ziegert</em></p>



<p><a href="https://knowledge.iba27.de/materialdatenbank-artikel/zrs-ingenieure-lehmbaustoffe/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Mehr zu den Lehmbaustoffen von ZRS Ingenieure</a></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Weleda_Logistics_Centre_by_ZRS_Ingenieure_A04-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-39444" srcset="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Weleda_Logistics_Centre_by_ZRS_Ingenieure_A04-1024x768.jpg 1024w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Weleda_Logistics_Centre_by_ZRS_Ingenieure_A04-300x225.jpg 300w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Weleda_Logistics_Centre_by_ZRS_Ingenieure_A04-768x576.jpg 768w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Weleda_Logistics_Centre_by_ZRS_Ingenieure_A04-1536x1152.jpg 1536w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Weleda_Logistics_Centre_by_ZRS_Ingenieure_A04-2048x1536.jpg 2048w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Weleda_Logistics_Centre_by_ZRS_Ingenieure_A04-950x713.jpg 950w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Weleda_Logistics_Centre_by_ZRS_Ingenieure_A04-1500x1125.jpg 1500w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Weleda Logitikzentrum. Bild: ZRS Ingenieure</figcaption></figure>
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		<item>
		<title>Im Gespräch: Andy Keel über klimafreundliche Baustoffe und zukunftsfähiges Bauen</title>
		<link>https://knowledge.iba27.de/im-gespraech-andy-keel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Jul 2025 16:13:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Materialgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Unkategorisiert]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Andy Keel ist Gründer und Geschäftsführer von OPENLY, einem Unternehmen im Schweizer Rheintal, das biogene Materialien und CO₂-speichernde Technologien in den Bau bringt. Mit Beton aus Pflanzenkohle, Hanfbeton und modularen Holzbausystemen entwickelt er skalierbare Lösungen für eine klimapositive Bauweise. Im Gespräch mit Melissa Acker (Studio Sustainable Matter) spricht er über lokale Wertschöpfung, zirkuläre Systeme und [&#8230;]</p>
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<p><em>Andy Keel ist Gründer und Geschäftsführer von OPENLY, einem Unternehmen im Schweizer Rheintal, das biogene Materialien und CO₂-speichernde Technologien in den Bau bringt. Mit Beton aus Pflanzenkohle, Hanfbeton und modularen Holzbausystemen entwickelt er skalierbare Lösungen für eine klimapositive Bauweise. Im Gespräch mit Melissa Acker (Studio Sustainable Matter) spricht er über lokale Wertschöpfung, zirkuläre Systeme und die regulatorischen Hebel, die für eine echte Transformation notwendig sind. Das Interview entstand im Frühjahr 2025 im Zuge der Materialrecherche für die IBA’27 durch Biobased Creations.</em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Beschreibe deinen persönlichen Hintergrund bzw. Lebensweg – wie bist du in die Welt des nachhaltigen Bauens gekommen und was ist deine derzeitige Rolle bzw. Berufsbezeichnung? </h4>



<p><em>Andy Keel:</em> Mit einer erfolgreichen Karriere im Bankwesen als Ausgangspunkt habe ich mehrere Unternehmen gegründet. Darunter auch <a href="http://dade-design.com" target="_blank" rel="noreferrer noopener">dade-design.com</a>, das sich als Pionier in der Entwicklung fortschrittlicher High-End-Anwendungen von Beton etabliert hat. Mein Interesse am Bauwesen bestand schon immer, jedoch war mir von Anfang an bewusst, dass eine Transformation dringend notwendig ist, da die Branche etwa 30 Prozent der globalen CO<sub>2</sub>-Emissionen verursacht; rund acht Mal mehr als der gesamte Flugverkehr. Diese Überzeugung führte zur Gründung von OPENLY.systems im Jahr 2022 im Schweizer Rheintal. Als Gründer und Geschäftsführer von OPENLY setze ich mich konsequent dafür ein, den Bausektor durch innovative und nachhaltige Ansätze grundsätzlich zu verändern.</p>



<p class="has-text-align-right"><strong>»Unser Anliegen ist die Entwicklung von Lösungen, die sowohl ökologisch verantwortungsbewusst als auch pragmatisch und skalierbar sind – der einzig nachhaltige Weg, um einen positiven Wandel in der Bauindustrie zu bewirken.«</strong><br><em>Andy Keel</em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Was ist das primäre Ziel deines Unternehmens und was unterscheidet es von anderen Herstellern in der Branche?</h4>



<p><em>Andy Keel:</em> Das primäre Ziel von OPENLY ist es, die Bauwirtschaft neu zu konzipieren. Unsere Vision ist, Gewerbe- und Wohngebäude von Kohlenstoffemittenten zu Kohlenstoffsenken zu machen. Unser Schwerpunkt liegt auf der Verwendung innovativer und möglichst lokal bezogener Baumaterialien. Ein wesentlicher Aspekt ist die Optimierung der gesamten Wertschöpfungskette, um effizientere Prozesse zu schaffen. Zudem setzen wir auf Materialneutralität: Wir wählen Materialien basierend auf ihrem Nutzen und ihrer Funktionalität, ohne uns auf bestimmte Materialien zu beschränken. Beton wird eingesetzt, wo es sinnvoll ist; ergänzt durch biogene Materialien wie Hanf, Holz oder Stroh.</p>



<p>Die momentan einzige signifikante Möglichkeit eine C-Senke in Beton zu integrieren ist Pflanzenkohle. Diese entsteht bei der thermochemischen Umwandlung (Pyrolyse) von holzigen Reststoffen – ein Prozess, bei dem unter Sauerstoffausschluss CO₂ dauerhaft in fester Form gespeichert wird. Es gibt eine Anzahl von Startups in diesem Bereich. Wir haben durch eigene Forschung und Entwicklung zusammen mit CarStorCon® eine industrielle Skalierung erreicht, die ab sofort in jedem Bauprojekt angewendet werden kann. CarStorCon® steht für Carbon Storage Concrete – das permanente Speichern von technischem Kohlenstoff in Betonanwendungen. Regionale Abfallströme und die Speicherung direkt im Produkt machen die Technologie zu einer lokalen Klimaschutztechnologie mit globaler Wirkung.</p>



<p>Darüber hinaus ermöglicht unsere maßgeschneiderte und patentierte Hanfbeton-Technologie (<a href="https://www.cancret.com/">CANCRET</a>) in Kombination mit Holzbau pro Quadratmeter Bruttogeschossfläche eine Einsparung um rund 250 Kilogramm CO<sub>2</sub>.</p>



<p>Ein herausragendes Beispiel ist das OPENLY Valley Widnau. Das Net-Zero-Mehrfamilienhaus und damit eines der größten Hanfhäuser in Europa, das zeigt, dass Gebäude aus biogenen Materialien nicht nur einen reduzierten CO<sub>2</sub>-Fußabdruck haben, sondern zertifizierbare C-Senken bilden. Letztere werden maßgeblich zur Erreichung der Klimaziele beitragen.</p>



<p>Das OPENLY Bausystem senkt die Bauemissionen um mehr als 50 Prozent und erreicht mit sechs Kilogramm CO<sub>2</sub> Emission pro Quadratmeter die gesetzlichen Zielwerte von Dänemark vom Jahr 2029. OPENLY spielt in der gleichen globalen Liga wie <a href="https://www.velux.ch/fr-ch/professionnels/architectes/visions-for-today-and-tomorrow" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Living Places</a> in Kopenhagen von VELUX mit Effekt Architekten (Gewinner MIPIM Award 2024) sowie HORTUS von Herzog &amp; de Meuron &amp; Senn.<br>Derzeit befinden sich 44 Einheiten in der Ausführungsplanung und über 300 Einheiten in der Pipeline bei Projektenwickler:innen und Bauträger:innen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo siehst du die größten Herausforderungen, aber auch mögliche Lösungen in Bezug auf deine eigene Arbeit oder den Bereich, in dem du direkt tätig bist?</h4>



<p><em>Andy Keel:</em> Die Bauwirtschaft sieht sich großen Herausforderungen gegenüber, die für das Erreichen der Klimaziele entscheidend sind. Obwohl Interesse an unserem Bausystem besteht, sind institutionelle Bauherr:innen manchmal noch zögerlich; bedingt durch den starken Kostendruck. Allerdings gibt es mit der KfW-40-Förderung in Deutschland eine Art Gegensteuerung.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Biogene Baustoffe liegen momentan im oberen Preissegment, wobei für die Emissionen konventioneller Materialien weiterhin die Allgemeinheit zahlt.</strong>«<br><em>Andy Keel</em></p>



<p>Biogene Baustoffe liegen momentan im oberen Preissegment, wobei für die Emissionen konventioneller Materialien weiterhin die Allgemeinheit zahlt. Zwar entwickeln sich die regulatorischen Vorgaben in der EU und der Schweiz, jedoch ist ein verbindliches CO<sub>2</sub>-Obergrenzen-System, wie in Dänemark notwendig, um die nachhaltige Transformation entscheidend voranzutreiben.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wie beurteilst du den Einsatz biobasierter Baustoffe derzeit auf dem deutschen Markt und wie können diese deiner Meinung nach im derzeitigen Bauwesen am wirkungsvollsten integriert werden?</h4>



<p><em>Andy Keel:</em> Der Einsatz biobasierter Baustoffe gewinnt auf dem deutschen Markt an Bedeutung, parallel zum steigenden Umweltbewusstsein. Diese Materialien bieten wesentliche Vorteile, insbesondere durch CO<sub>2</sub>-Reduktion und Förderung der Kreislaufwirtschaft. Um ihre Integration zu optimieren, müssen biobasierte Baustoffe frühzeitig in der Planung berücksichtigt werden. Architekt:innen und Bauunternehmen sollten umfassend über deren Potenziale informiert werden. Staatliche Anreize sind notwendig, gemeinsam mit angepassten Normen und Standards, um ihre Anwendung zu erleichtern. Schulungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, wie sie im OPENLY Lab angeboten werden, können das Wissen in der Branche erweitern und die Akzeptanz fördern.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo siehst du Möglichkeiten, zirkuläre Methoden wie Modularität, Rückbaubarkeit, Wiederverwendung und Recycling mit naturbasierten Produkten oder Anwendungen zu kombinieren?</h4>



<p><em>Andy Keel:</em> Das OPENLY Bausystem ermöglicht es, zirkuläre Methoden mit naturbasierten Produkten zu verbinden:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Modularität und Rückbaubarkeit: Ein modulares Design erlaubt es, Bauelemente bei Bedarf anzupassen, ohne ein neues Gebäude errichten zu müssen. Die Rückbaubarkeit ermöglicht die schadensfreie Demontage und Wiederverwendung von Modulen.</li>



<li>Wiederverwendung und Recycling: Baukomponenten werden durch geschraubte oder gesteckte Verbindungen realisiert, was eine einfache Demontage und Wiederverwendung ohne Beschädigung ermöglicht. Komponenten, die nicht wiederverwendet werden können, lassen sich effizient recyceln.</li>
</ul>



<h4 class="wp-block-heading">Welche Strategie oder welche spezifischen Lösungen siehst du als entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung der Region Baden-Württemberg oder allgemein in Deutschland an?</h4>



<p><em>Andy Keel:</em> Mit einer Holzbauquote von 33 Prozent führt Baden-Württemberg die Holzbauweise an, während der bundesweite Durchschnitt bei 21 Prozent liegt. Um diesen Trend fortzusetzen, sind erweiterte staatliche Subventionen und Förderprogramme notwendig. Finanzielle Anreize, Steuervergünstigungen und Investitionen in Forschung können den Einsatz von Holz und biogenen Baustoffen fördern. Flexiblere Bauvorschriften, gemeinsam mit starker Sensibilisierung, können bürokratische Hürden abbauen und innovative Bauprojekte unterstützen. Angesichts steigender Energiekosten und klimatischer Herausforderungen sollten Solarpaneelen auf 95 Prozent der Neubau-Dachflächen installiert werden. Steuerliche Anreize und verbindliche Vorgaben zur Wiederverwendung und zum Recycling in Bauprojekten fördern den Einsatz umweltfreundlicher Technologien. Sie verringern den Druck auf Ressourcen, wodurch eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft gestärkt wird.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Call for action: Was ist dein Wunsch, was sollten die Akteur:innen im Bauwesen heute tun, um ihre Projekte mit natürlichen und kreislauffähigen Baustoffen zu realisieren?</h4>



<p><em>Andy Keel:</em> Wir freuen uns, unser Fachwissen über biogene Bausysteme zu teilen. Aus diesem Grund haben wir das OPENLY Lab ins Leben gerufen. Das Lab bietet Workshops an, um unser Know-how weiterzugeben und eine Plattform für Innovation sowie Fortschritt zu schaffen. Nicht jede:r Bauherr:in und nicht jedes Architekturbüro muss alles neu erfinden. Wir laden alle Interessierten herzlich ein, uns in Widnau zu besuchen und gemeinsam an nachhaltigen Lösungen zu arbeiten.</p>



<p>Darüber hinaus haben wir mit <a href="https://www.milton.earth/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">milton.earth</a> eine Marke etabliert, die sich auf den Handel von CO<sub>2</sub>-Zertifikaten spezialisiert hat. Wir sind stolz darauf, als erste Anbieter den speziell für die Immobilienbranche entwickelten Global Construction C-Sink Standard in Form von handelbaren CO<sub>2</sub>-Zertifikaten anbieten zu können. Wir wollen Unternehmen lokale C-Senken von hoher Qualität anbieten, um sie in ihrer Klimastrategie zu unterstützen.</p>



<p><a href="https://knowledge.iba27.de/materialdatenbank-artikel/patentierte-vorfabrizierte-hanf-kalk-waende/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Mehr Infos zur Vorfertigung von Hanfkalk-Elementen bei Cancret</a></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="768" src="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/OPEN3_1300241_web-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-39512" srcset="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/OPEN3_1300241_web-1024x768.jpg 1024w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/OPEN3_1300241_web-300x225.jpg 300w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/OPEN3_1300241_web-768x576.jpg 768w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/OPEN3_1300241_web-1536x1152.jpg 1536w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/OPEN3_1300241_web-2048x1536.jpg 2048w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/OPEN3_1300241_web-950x713.jpg 950w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/OPEN3_1300241_web-1500x1125.jpg 1500w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Ausführungsbeispiel. Bild: Openly / Cancret AG</figcaption></figure>
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		<title>Im Gespräch: Rolf Buschmann über gesunde Materialien und mutige Strukturen</title>
		<link>https://knowledge.iba27.de/im-gespraech-rolf-buschmann/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Jul 2025 15:10:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Materialgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Unkategorisiert]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Rolf Buschmann ist Chemiker, Umweltexperte und Vorstandsvorsitzender von Verein natureplus. Seit drei Jahrzehnten engagiert er sich für gesundes, zirkuläres Bauen und die Transformation des Bausektors. Im Gespräch mit Nina Grunenberg spricht er über biobasierte Materialien, rechtliche Hürden und warum es nicht reicht, die Dämmplatte auszutauschen. Das Interview entstand im Frühjahr 2025 im Rahmen der Materialrecherche [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://knowledge.iba27.de/im-gespraech-rolf-buschmann/">Im Gespräch: Rolf Buschmann über gesunde Materialien und mutige Strukturen</a> erschien zuerst auf <a href="https://knowledge.iba27.de">IBA’27 Wissensdatenbank</a>.</p>
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<p><em>Rolf Buschmann ist Chemiker, Umweltexperte und Vorstandsvorsitzender von Verein natureplus. Seit drei Jahrzehnten engagiert er sich für gesundes, zirkuläres Bauen und die Transformation des Bausektors. Im Gespräch mit Nina Grunenberg spricht er über biobasierte Materialien, rechtliche Hürden und warum es nicht reicht, die Dämmplatte auszutauschen. Das Interview entstand im Frühjahr 2025 im Rahmen der Materialrecherche für die IBA’27 durch Biobased Creations.</em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Beschreiben Sie Ihren persönlichen Hintergrund/Lebensweg, wie Sie in die Welt des nachhaltigen Bauens gekommen sind und was Ihre derzeitige Rolle/Berufsbezeichnung ist?</h4>



<p><em>Rolf Buschmann:</em> Mein Weg zum ökologischen Bauen begann ursprünglich in der Chemie. Während meines Studiums fand ich über das Katalyse-Institut in Köln den Einstieg in Umweltfragen. Das Institut war eines der ersten Umweltlabore und befasste sich früh mit Themen wie Chemie in Lebensmitteln – etwas, das mich sofort faszinierte. Entgegen meiner ursprünglichen Vorstellung, im Umweltmanagement zu arbeiten, verschlug es mich bald ins ökologische Bauen. Zwischen 1994 und 2004 entwickelte ich mit einem Architekten gemeinsam Bauteilplanungen auf Basis ökologischer Baustoffe – eine spannende und prägende Zeit. Später wechselte ich zur Verbraucherzentrale, wo ich mich intensiv mit Innenraumschadstoffen, Produktsicherheit und &#8211; bewertung beschäftigte. 2013 führte mein Weg zum BUND, wo ich seither Themen wie Kreislaufwirtschaft, technischen Umweltschutz und Emissionsschutz betreue. Vor etwa sechs Jahren trat natureplus an mich heran – der BUND ist dort Mitglied. Kurz darauf wurde ich in den Vorstand berufen und wie das so ist: Man wird gleich zum Vorsitzenden gemacht. Nach über 30-jähriger Erfahrung im ökologischen Bauen höre ich Ende nächsten Jahres beim BUND auf und konzentriere mich nur noch auf natureplus – eine Art vorgezogener Ruhestand, indem ich mich weiterhin meinem Herzensthema widmen kann.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Was ist das primäre Ziel der Organisation natureplus?</h4>



<p><em>Rolf Buschmann:</em> Ich schätzte natureplus schon früh als eines der wenigen aussagekräftigen Labels im Baubereich. Besonders spannend fand ich später, nicht nur an der Weiterentwicklung des Labels mitzuwirken, sondern auch Verantwortung zu übernehmen. Anfangs war natureplus vor allem für das Label und die Informationsarbeit zuständig. Heute liegt die Zertifizierung ausgelagert bei der natureplus SCE, während der Verein sich zunehmend auf politische Arbeit für nachhaltiges Bauen konzentriert.</p>



<p>Seit etwa fünf Jahren agiert natureplus als eigenständige Lobbyorganisation und ist Mitglied im Deutschen Naturschutzring. Durch Fördermittel vom Umweltbundesamt finanzieren wir Formate wie die »Late Lunch Sessions« zu nachhaltigem Bauen und Masterclasses für Fachleute wie Bauingenieu:innen.&nbsp; Ein weiteres wichtiges Thema ist die Kreislaufwirtschaft im Bausektor. Viele Materialien aus Rückbau könnten wiederverwendet werden, aber es fehlt an Strukturen, um diese Stoffe zu erfassen und zu analysieren. Sobald ein Material von der Baustelle kommt, gilt es als Abfall – was viele Hersteller abschreckt. Besonders bei rückgebautem Beton und Ziegeln gibt es noch keine klaren Standards und Genehmigungsprozesse.</p>



<p>Bei natureplus arbeiten wir derzeit daran, unsere Kriterien auch auf zirkuläre Produkte anzuwenden. Dabei stellen sich neue Fragen: Wie hoch darf der Schadstoffgehalt in einem Recyclingmaterial sein? Und wie vermeiden wir, dass unerwünschte Stoffe weiter im Kreislauf verbleiben? Unser Ziel bleibt es, Materialien zu kennzeichnen, die nicht nur ökologisch produziert, sondern auch sicher, langlebig und zukunftsfähig sind.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo sehen Sie die größten Herausforderungen, aber auch mögliche Lösungen in Bezug auf Ihre eigene Arbeit oder den Bereich, in dem Sie direkt tätig sind?</h4>



<p><em>Rolf Buschmann:</em> Eine der größten Herausforderungen liegt in der Verbindung von Wohngesundheit, Kreislauffähigkeit und Klimaschutz im Bausektor. Zentrale Fragen betreffen die Emissionen von Baustoffen während der Nutzung und ihre Wiederverwendbarkeit am Lebensende. Besonders bei Neubauprodukten müssen wir klären, ob eine kaskadische Nutzung – also mehrfacher Einsatz oder vollständiges Recycling – möglich ist. </p>



<p>Natureplus hat sich bislang stark auf nachwachsende Rohstoffe – Stroh, Zellulose, oder andere biogene Materialien konzentriert; doch mit dem wachsenden Interesse an Sekundärrohstoffen rückt nun auch recycelter Kunststoff oder Materialen wie Altreifen in den Fokus. Dabei stellt sich die Frage: Wie bewerten wir diese Materialien im Vergleich zu naturbasierten? Eine mögliche Lösung könnte sein, unser Bewertungssystem um die Kategorien »naturbasiert« und »recyclingbasiert« zu erweitern. </p>



<p>Ein weiteres drängendes Thema ist der hohe Wohnflächenverbrauch in Deutschland. Neue Wohnkonzepte mit gemeinschaftlich genutzten Räumen – etwa Shared Offices oder Werkstätten – könnten Flächen effizienter nutzen und soziale Nähe fördern. Auch die Flexibilität von Gebäuden muss neu gedacht werden: Häuser sollten sich über die Lebenszeit hinweg an veränderte Bedürfnisse anpassen lassen. Es geht nicht nur darum, von der EPS-Platte zur Holzfaserplatte zu wechseln – sondern um ein systemisches Umdenken.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Es geht nicht nur darum, von der EPS-Platte zur Holzfaserplatte zu wechseln – </strong><br><strong>sondern um ein systemisches Umdenken.</strong>«<br><em>Rolf Buschmann</em></p>



<p>Nicht zuletzt braucht es rechtliche Reformen. So sind zum Beispiel Brandschutzvorgaben oft nur mit bestimmten Materialien wie Beton realisierbar, etwa bei Treppenhäusern in Gebäuden mit mehr als fünf oder sechs Stockwerken. Architekt:innen und Bauherr:innen gehen ein hohes Risiko ein, wenn sie hier von den Normen abweichen – rechtlich wie haftungstechnisch. Deshalb braucht es nicht nur nachhaltige Produkte, sondern auch passende gesetzliche Rahmenbedingungen, um das Bauen wirklich zukunftsfähig zu machen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wie beurteilen Sie den Einsatz biobasierter Baustoffe derzeit auf dem deutschen Markt und wie können diese Ihrer Meinung nach im derzeitigen Bauwesen am wirkungsvollsten integriert werden?</h4>



<p><em>Rolf Buschmann:</em> Biobasierte Baustoffe gewinnen in Deutschland zunehmend an Bedeutung, insbesondere im Wohnungsbau. Sie bieten nicht nur ökologische Vorteile, sondern auch wirtschaftliche Potenziale, insbesondere bei Neubauten und Sanierungen.​</p>



<p>Biobasierte Materialien wie Stroh, Holz, Hanf und Zellulose zeichnen sich durch eine geringe Umweltbelastung aus. Sie sind klimafreundlich, gesundheitlich unbedenklich und können am Ende ihres Lebenszyklus wieder in natürliche Kreisläufe integriert werden. Ein Beispiel ist der Einsatz von Strohballenbau im Mehrfamilienhausbau, wie es von Uli Steinmeyer in Verden praktiziert wird. Solche Projekte zeigen, dass auch kostengünstiger Wohnungsbau mit nachhaltigen Materialien realisierbar ist.​ Trotz dieser Vorteile werden fossile Dämmstoffe oft bevorzugt, da sie in öffentlichen Ausschreibungen aufgrund niedrigerer Kosten bevorzugt werden. Dies führt zu einer Marktverzerrung, da die langfristigen ökologischen und sozialen Folgekosten nicht berücksichtigt werden. Ein Umdenken ist erforderlich, um die wahren Kosten von Baustoffen über ihren gesamten Lebenszyklus zu erfassen.</p>



<p>Zertifizierungssysteme wie das natureplus-Label spielen eine entscheidende Rolle bei der Förderung nachhaltiger Baustoffe. Das natureplus-Label berücksichtigt neben der Umweltverträglichkeit auch die Wohngesundheit und Ressourcenschonung. Produkte mit diesem Label erfüllen strenge Kriterien und werden in verschiedenen Gebäudezertifizierungssystemen wie DGNB, BREEAM und LEED anerkannt. Sie tragen zur Erreichung von Nachhaltigkeitszielen bei und ermöglichen den Zugang zu Fördermitteln. Durch die Berücksichtigung des gesamten Lebenszyklus von Materialien, die Förderung durch Zertifizierungssysteme und die Integration in Neubauprojekte kann ein bedeutender Beitrag zum Klimaschutz und zur Schaffung gesunder Wohnräume geleistet werden.​</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo sehen Sie Möglichkeiten, zirkuläre Methoden wie Modularität, Rückbaubarkeit, Wiederverwendung und Recycling mit naturbasierten Produkten oder Anwendungen zu kombinieren?</h4>



<p><em>Rolf Buschmann:</em> Ein zukunftsfähiges Bauwesen erfordert die konsequente Verbindung von zirkulären Prinzipien mit dem Einsatz biobasierter Materialien. Eine der größten Chancen liegt in der seriellen Sanierung bestehender Gebäude: Sie bewahrt wertvolle Bausubstanz, spart Ressourcen und ermöglicht durch modulare Elemente wie vorgefertigte Fassaden eine effiziente energetische Aufwertung. Diese Bauteile können zusätzlich Haustechnik oder Infrastruktur integrieren – ein Ansatz, der sowohl ökologisch als auch funktional überzeugt.</p>



<p>Da vollständige Zirkularität im Bau kaum erreichbar ist, wird die möglichst lange Nutzung bestehender Strukturen umso wichtiger. Die Kombination mit langlebigen, wohngesunden und möglichst biobasierten Materialien schafft echten Mehrwert. Hier setzt natureplus an: Als unabhängige Zertifizierungsplattform arbeitet der Verein mit Herstellern, Umweltverbänden und Prüfstellen zusammen, um nachhaltige Produkte zu kennzeichnen – etwa Holz- oder Hanfbaustoffe mit geringer Energieintensität und guter Wiederverwendbarkeit.</p>



<p>Ein vielversprechender Weg ist die Zertifizierung ganzer modularer Bauteile, wie sie bereits von Unternehmen wie Baufritz für die Bestandssanierung entwickelt wurden. Darüber hinaus stärkt natureplus den Austausch zwischen Akteuren der Bauwirtschaft – z. B. durch die Konferenz »Rethink Building«. Gemeinsam mit europäischen Partner:innen treiben wir verbindliche Klimaziele und innovative Lösungen voran – für eine Transformation des Bauens, die ökologisch, zirkulär und sozial ist.</p>



<p>Ein Beispiel: In Dänemark haben über 400 Akteure aus Architektur, Industrie, Verwaltung und Zivilgesellschaft einen CO₂-Reduktionspfad für den Bausektor gemeinsam verabschiedet. Dieses Vorbild haben wir aufgegriffen und in Deutschland einen ähnlichen Appell gestartet – für verbindliche Klimaziele im Bauwesen. Ziel ist es, dass sich Unternehmen aktiv einbringen und ihren Beitrag zur Transformation leisten.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Welche Strategie oder welche spezifischen Lösungen sehen Sie als entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung der Region Baden-Württemberg oder allgemein in Deutschland an?</h4>



<p><em>Rolf Buschmann:</em> Eine nachhaltige Entwicklung im Bausektor erfordert ganzheitliche Strategien, die bundesweit greifen, aber regionale Besonderheiten berücksichtigen. Die föderale Struktur Deutschlands erschwert einheitliche Regelungen – hier könnte Baden-Württemberg mit Best-Practice-Beispielen vorangehen und den Austausch fördern. Zentral ist die Harmonisierung des Baurechts, um nachhaltige Innovationen überregional nutzbar zu machen, ohne regionale Baukulturen zu gefährden.<br>Ein weiterer wichtiger Hebel ist der Fokus auf den Bestand: Statt immer neuen Wohnraum zu schaffen, sollten bestehende Gebäude ressourcenschonend saniert und besser genutzt werden. Serielle Sanierung mit vorgefertigten Modulen ermöglicht schnelle, kosteneffiziente und sozialverträgliche Lösungen – ideal, um CO₂ zu sparen, ohne Bewohner zu verdrängen.</p>



<p>Auch ökonomische Anreize sind entscheidend: Sekundärmaterialien müssen günstiger und attraktiver werden, wozu eine stärkere Bepreisung von Primärressourcen beitragen kann. Diese Strategie findet sich inzwischen auch im Koalitionsvertrag der Bundesregierung wieder, muss aber noch konsequent umgesetzt werden.</p>



<p>Gleichzeitig braucht es regionale Baustoffkreisläufe, um Transportwege zu minimieren und lokale Wertschöpfung zu fördern – etwa durch Wiederverwendung rückgebauter Materialien vor Ort, zum Beispiel über Bauteilbörsen. Es macht keinen Sinn, recycelte Fenster aus Baden-Württemberg bis nach Hamburg zu transportieren. Solche regionalen Materialkreisläufe steigern nicht nur die Nachhaltigkeit, sondern auch die Wirtschaftlichkeit.</p>



<p>Naturbasierte regionale Baustoffe bieten großes Potenzial und sollten stärker gefördert werden. In Frankreich gibt es bereits viele öffentliche Projekte, bei denen mit Stroh, Holz und Lehm mehrgeschossige Schulen, Kindergärten oder sogar Krankenhäuser gebaut wurden – ein Vorbild auch für Deutschland. Zugleich müssen soziale Aspekte mitgedacht werden – nachhaltiges Bauen darf kein Luxus sein, sondern muss auch einkommensschwächeren Gruppen offenstehen. Baden-Württemberg kann hier strategisch vorangehen – indem es Best-Practice-Beispiele identifiziert und zum Austausch mit anderen Ländern beiträgt. Nachhaltiges Bauen braucht ganzheitliche Strategien – vom Umgang mit Bestandsgebäuden über regionale Wertschöpfung bis hin zu sozialer und globaler Gerechtigkeit. Die Weichen dafür müssen jetzt gestellt werden.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Call for action: Was ist Ihr Wunsch, was sollten die Akteur:innen im Bauwesen heute tun, um ihre Projekte mit natürlichen und kreislauffähigen Baustoffen zu realisieren?</h4>



<p><em>Rolf Buschmann:</em> Mein Wunsch ist, dass Akteurinnen im Bauwesen heute den Trampelpfad verlassen – wortwörtlich! Das bedeutet, weg von den etablierten und vorgedachten Lösungen, hin zu einem neuen Ansatz. Es geht darum, sich zurückzunehmen, den Blick zu schärfen und das zu hinterfragen, was einem in einem Projekt begegnet. Was finde ich vor Ort, welche Gegebenheiten gibt es und wie kann ich mit den vorhandenen Materialien und Ressourcen die beste Lösung finden? Ein Projekt sollte nicht nur ökologisch und klimafreundlich sein, sondern auch die Anforderungen an Kreislauffähigkeit erfüllen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der soziale Aspekt: Es geht darum, eine lebenswerte Umgebung zu schaffen, in der die Menschen gut leben können.</p>



<p>Die »dritte Haut«, also die Wohnung und das Umfeld, muss diesen sozialen Aspekt ebenfalls berücksichtigen. Das Ziel sollte sein, ökologischen und sozialen Gewinn zu erzielen und nicht nur rein ökonomische Ziele zu verfolgen. Natürlich darf auch der wirtschaftliche Erfolg nicht zu kurz kommen; das ist wichtig für das Leben in unserer Gesellschaft. Aber noch schöner ist es, wenn man zusätzlich einen ökologischen und sozialen Mehrwert schafft.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Mein Call for Action lautet also: Verlasse den gewohnten Pfad und strebe nach einem Gewinn für alle – sowohl für den ökologischen, sozialen als auch ökonomischen Bereich.«</strong><br><em>Rolf Buschmann</em></p>



<p><a href="https://knowledge.iba27.de/materialdatenbank-artikel/natureplus-e-v-zertifizierung/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Mehr über die Zertifizierung des Vereins Natureplus e.V.</a></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="768" src="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/07/Bern_RETHINK_2024_Aula_JonDuschletta-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-39547" srcset="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/07/Bern_RETHINK_2024_Aula_JonDuschletta-1024x768.jpg 1024w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/07/Bern_RETHINK_2024_Aula_JonDuschletta-300x225.jpg 300w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/07/Bern_RETHINK_2024_Aula_JonDuschletta-768x576.jpg 768w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/07/Bern_RETHINK_2024_Aula_JonDuschletta-1536x1152.jpg 1536w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/07/Bern_RETHINK_2024_Aula_JonDuschletta-2048x1536.jpg 2048w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/07/Bern_RETHINK_2024_Aula_JonDuschletta-950x713.jpg 950w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/07/Bern_RETHINK_2024_Aula_JonDuschletta-1500x1125.jpg 1500w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Bild: Jon Duschletta</figcaption></figure>
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		<item>
		<title>Im Gespräch: Florian Gramespacher über Kalk, Kreisläufe und konsequente Transparenz im Bausektor</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Jul 2025 14:45:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Materialgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Unkategorisiert]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Florian Gramespacher ist Geschäftsführer der Hessler Kalkwerke in vierter Generation. Seit vielen Jahren engagiert er sich für gesunde, kreislauffähige Baustoffe und setzt auf reine Kalkputze ohne synthetische Zusätze. Im Gespräch mit Melissa Acker (Studio Sustainable Matter) spricht er über die Kraft von Transparenz, die Chancen naturbasierter Materialien und die politischen Weichen, die es für eine [&#8230;]</p>
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<p><em>Florian Gramespacher ist Geschäftsführer der Hessler Kalkwerke in vierter Generation. Seit vielen Jahren engagiert er sich für gesunde, kreislauffähige Baustoffe und setzt auf reine Kalkputze ohne synthetische Zusätze. Im Gespräch mit Melissa Acker (Studio Sustainable Matter) spricht er über die Kraft von Transparenz, die Chancen naturbasierter Materialien und die politischen Weichen, die es für eine nachhaltige Bauwende braucht. Das Interview entstand im Frühjahr 2025 im Zuge der Materialrecherche für die IBA’27 durch Biobased Creations.</em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Beschreiben Sie Ihren persönlichen Hintergrund bzw. Lebensweg – wie sind Sie in die Welt des nachhaltigen Bauens gekommen und was ist Ihre derzeitige Rolle bzw. Berufsbezeichnung? </h4>



<p><em>Florian Gramespacher:</em> Ich studierte Betriebswirtschaftslehre an der FH Südwestfalen und bin seit 13 Jahren in der Naturbaustoffbranche tätig. Seit fünf Jahren leite ich die Hessler Kalkwerke GmbH in vierter Generation. Das Unternehmen besteht bereits seit dem Jahr 1881. Da die Nachteile herkömmlicher Baustoffe bereits bekannt sind und es zunehmend Studien dazu gibt, wie sehr diese die Gesundheit von Menschen beeinträchtigen, die Umwelt belasten und Ressourcen viel zu leichtsinnig verschwendet werden, haben mich Kalkputze schon immer überzeugt. Wir konzentrieren uns insbesondere auf die Produktion und Vermarktung ökologischer Baustoffe mit Naturkalk als alleinigem Bindemittel. Auch erfüllt es mich mit Stolz, ein Unternehmen führen zu dürfen, welches auf eine über 140 Jahre währende Tradition und Firmengeschichte zurückblickt. Bereits seit der Kindheit stand für mich fest, dass ich diesen Weg gemeinsam mit meinem Bruder einschlagen möchte. Mein Ziel ist es, Bauen wieder transparenter und nachhaltiger zu gestalten. Kund:innen sollen befähigt werden, fundierte Entscheidungen zu treffen, ohne sich durch komplexe Normen und Vorschriften arbeiten zu müssen. Ich biete als Unternehmer nur Materialien an, die ich auch in meinem eigenen Zuhause verwenden würde.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Was ist das primäre Ziel Ihres Unternehmens und was unterscheidet es von anderen Herstellern in der Branche?</h4>



<p><em>Florian Gramespacher:</em> Das primäre Ziel ist es, Produkte herzustellen, welche Verbraucher:innen einen echten Mehrwert bieten – gegenteilig zu leeren Marketingversprechen, wie sie bei konventionellen Baustoffen häufig zu beobachten sind. Zielsetzung ist es, konventionelle Baustoffe abzulösen, welche dem nachhaltigen Bauen schaden und die Umwelt belasten. Moderne Baumaterialien können durch verschiedene gesundheitsbedenkliche Zusatzstoffe Schadstoffe ausdünsten, die Allergien und Krankheiten auslösen können. <br>Materialien wie z. B. Zement und synthetische Bindemittel hemmen den Wasserdampfdiffusionswert der Putze und verhindern somit, dass Wände »atmen« können. Darüber hinaus sind moderne Baustoffe oft problematisch hinsichtlich ihrer Entsorgung. Ziel ist es, Wohnräume wieder sinnvoll zu gestalten: Mit natürlichen Rohstoffen, frei von Chemie und für Bewohner:innen so verträglich und gesund wie möglich.<br>Gleichzeitig werden dadurch Ressourcen geschont und die Umwelt in deutlich geringerem Ausmaß belastet, als konventionelle Baustoffe dies tun. Somit kann der Weg zum zirkulären Bauen weitergegangen werden.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Zielsetzung ist es, konventionelle Baustoffe abzulösen, welche dem nachhaltigen Bauen schaden und die Umwelt belasten.</strong>«<br><em>Florian Gramespacher</em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo sehen Sie die größten Herausforderungen, aber auch mögliche Lösungen in Bezug auf Ihre eigene Arbeit oder den Bereich, in dem Sie direkt tätig sind?</h4>



<p><em>Florian Gramespacher:</em> Der ökologische Baustoffmarkt ist nach wie vor ein Nischenmarkt, der von innovativen, aber kleinen Unternehmen gestaltet wird. Diese Unternehmen sehen sich starker Einflussnahme auf die Zulassung und Regulierung sowie Lobbyismus durch Großkonzernen gegenübergestellt. Eine Unterstützung wäre z. B. die Subvention nachhaltiger Baustoffe bei öffentlichen Bauprojekten.<br>Generell haben Naturbaustoffe einen zunehmend guten Ruf, und Präsenz ist auf verschiedenen Ebenen sehr wichtig. Kleine oder mittelständische Unternehmen haben jedoch gar nicht die Möglichkeit in Verbänden, Schulen und Universitäten so vertreten zu sein, wie große Konzerne es sich leisten können. Daher geht z. B. in Berufsschulen noch viel »nach Lehrbuch« – also mit Fokus auf konventionelle Materialien.</p>



<p class="has-text-align-right"><strong>»Der ökologische Baustoffmarkt ist nach wie vor ein Nischenmarkt, der von innovativen, aber kleinen Unternehmen gestaltet wird.«</strong><br><em>Florian Gramespacher</em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Wie beurteilen Sie den Einsatz biobasierter Baustoffe derzeit auf dem deutschen Markt und wie können diese Ihrer Meinung nach im derzeitigen Bauwesen am wirkungsvollsten integriert werden?</h4>



<p><em>Florian Gramespacher:</em> Im deutschen Markt steigt nach und nach das Bewusstsein der Verbraucher:innen für den Einsatz biobasierter Baustoffe. Schwierigkeiten bei der Zulassung verlangsamen jedoch den Prozess, die Produkte schneller und effektiver auf den Markt zu bringen. Bei bestehenden Regularien, beispielsweise für Wärmedämmverbundsysteme, wären Anpassungen nötig, um eine Nutzung natürlicher und damit nicht hydrophober Baustoffe überhaupt erst möglich zu machen.<br>Zudem werden Transportwege nicht in die CO<sub>2</sub>-Bilanz von Produkten hineingerechnet, wodurch einige Baustoffe als nachhaltiger verkauft werden als sie es tatsächlich sind, wenn bestimmte Inhaltsstoffe über sehr weite Distanzen zugekauft werden.<br>Wir als Unternehmen haben sehr gute Erfahrungen gemacht mit dem Level an Transparenz, mit dem wir unsere Produkte deklarieren: in unseren Volldeklarationen sind auch die Inhaltsstoffe zu finden, die aufgrund ihres geringen Mengenanteils gar nicht deklariert werden müssten. Transparenz ist auch bei Produktbezeichnungen wichtig: der Begriff Kalkputz ist leider nicht geschützt, nur der Begriff Kalk. Daher sind in vielen handelsüblichen, als »Kalkputz« benannten Produkte, Zement, Hydrophobierung oder andere synthetische Binder zu finden. Zement unterbindet die Kapillarität und Diffusionsoffenheit, wodurch die positiven Eigenschaften des Kalks verloren gehen, wie die Reinigung der Raumluft und der Abbau von Schadstoffen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo sehen Sie Möglichkeiten, zirkuläre Methoden wie Modularität, Rückbaubarkeit, Wiederverwendung und Recycling mit naturbasierten Produkten oder Anwendungen zu kombinieren?</h4>



<p><em>Florian Gramespacher:</em> Tatsächlich naturbasierte und reine Produkte lassen sich am Ende ihres Lebenszyklus wieder in den Ausgangsrohstoff zurückführen oder erreichen diesen Zustand durch natürliche Prozesse, z.B. Kalk durch Karbonatisierung.<br>Theoretisch wäre zudem eine Rückführung von rückgebautem Kalk in den Produktionsprozess möglich: das ganze Gefüge würde wieder gebrannt und anschließend gelöscht; somit der Kalkkreislauf erneut geschlossen. Praktisch geschieht dies allerdings noch nicht – selbst in der Lehmbranche, wo dies einfacher wäre als bei Putz, gibt es da ja noch keine wirklichen Rücknahmesysteme. Oftmals wird bei der Sanierung von Fachwerkhäusern der alte Lehm entsorgt und neuer verwendet, anstelle von Aufbereitung und Wiederverwendung. Zudem kann einem Rückbau entnommener Naturkalk, wenn man ihn auf etwa null bis fünf Millimeter Körnung zerkleinert, auf Wiesen und in Gärten als Düngekalk zum Einsatz kommen. Wenn es die Regularien zuließen, wäre dies sogar in der Landwirtschaft denkbar.</p>



<p class="has-text-align-right"> <strong>»Tatsächlich naturbasierte und reine Produkte lassen sich am Ende ihres Lebenszyklus wieder in den Ausgangsrohstoff zurückführen oder erreichen diesen Zustand durch natürliche Prozesse.«</strong><br><em>Florian Gramespacher</em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Welche Strategie oder welche spezifischen Lösungen sehen Sie als entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung der Region Baden-Württemberg oder allgemein in Deutschland an?</h4>



<p><em>Florian Gramespacher:</em> Wichtig ist die Schaffung von politischen Rahmenbedingungen für eine wettbewerbsfähige deutsche Industrie, zur Verhinderung der weiteren Abwanderung von Industrie und Wertschöpfung. In erster Linie muss man sich Nachhaltigkeit auch leisten können.<br>Eine weitere wichtige Strategie in der nachhaltigen Entwicklung ist der regionale Bezug von Rohstoffen. Wenn es mehrere Hersteller für ein gleichwertiges Produkt gibt, sollte man genau das Produkt beziehen, das am wenigsten Distanz zur Baustelle zurücklegen muss. Bei größeren Unternehmen können auch dezentrale Produktionsstandorte eine Rolle spielen.&nbsp; Zudem ist uns die Vernetzung innerhalb der Baubranche wichtig – daher teilen wir regelmäßig unser Wissen bei Fachveranstaltungen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Call for action: Was ist Ihr Wunsch, was sollten die Akteur:innen im Bauwesen heute tun, um ihre Projekte mit natürlichen und kreislauffähigen Baustoffen zu realisieren?</h4>



<p><em>Florian Gramespacher:</em> Akteur:innen im Bauwesen sollten sich heute mehr denn je mit dem Thema natürlicher und kreislauffähiger Baustoffe beschäftigen, und sich nicht von leeren Marketingversprechen beeinflussen lassen. Mit dem Großteil, der als »nachhaltig«Ich biete als Unternehmer nur Materialien an, die ich auch in meinem eigenen Zuhause verwenden würde. vertriebenen Baustoffe schaffen wir uns den Sondermüll von morgen. Ich persönlich denke das QNG-Siegel, das aktuell leider ausgesetzt ist, war ein Schritt in die richtige Richtung: Man muss es sich leisten können, aber man bekommt einen vergünstigten Kredit wenn das Gebäude mit nachhaltigen Baustoffen gefertigt wird. Damit wurde sicherlich der ein oder die andere in die Richtung bewegt, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen und über den Tellerrand hinauszuschauen. Es ist wichtig, Anreize zu schaffen. Von den Planenden wünsche ich mir, dass sie bei der Vergabe nicht nur die Anschaffungs-, sondern auch Folgekosten berücksichtigen, die bei konventionellen Produkten ggf. durch Feuchte und Schimmel entstehen können. Sie sollten ihre Beratungsfunktion gezielt nutzen, um den Einsatz natürlicher Baustoffe zu fördern.</p>



<p><a href="https://knowledge.iba27.de/materialdatenbank-artikel/hessler-kalkwerke-naturkalkputz-system/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Mehr über das Hessler-Naturkalkputz-System</a></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hessler-Kalkwerke-GmbH_Gestaltung-mit-Naturkalkputzen_Hessler-Kalkwerke-GmbH-3-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-39368" srcset="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hessler-Kalkwerke-GmbH_Gestaltung-mit-Naturkalkputzen_Hessler-Kalkwerke-GmbH-3-1024x768.jpg 1024w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hessler-Kalkwerke-GmbH_Gestaltung-mit-Naturkalkputzen_Hessler-Kalkwerke-GmbH-3-300x225.jpg 300w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hessler-Kalkwerke-GmbH_Gestaltung-mit-Naturkalkputzen_Hessler-Kalkwerke-GmbH-3-768x576.jpg 768w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hessler-Kalkwerke-GmbH_Gestaltung-mit-Naturkalkputzen_Hessler-Kalkwerke-GmbH-3-1536x1152.jpg 1536w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hessler-Kalkwerke-GmbH_Gestaltung-mit-Naturkalkputzen_Hessler-Kalkwerke-GmbH-3-2048x1536.jpg 2048w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hessler-Kalkwerke-GmbH_Gestaltung-mit-Naturkalkputzen_Hessler-Kalkwerke-GmbH-3-950x713.jpg 950w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hessler-Kalkwerke-GmbH_Gestaltung-mit-Naturkalkputzen_Hessler-Kalkwerke-GmbH-3-1500x1125.jpg 1500w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Gestaltung mit Naturkalkputzen. Bild: Hessler Kalkwerke GmbH</figcaption></figure>
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			</item>
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		<title>Im Gespräch: Henrik Pauly über Bauen mit Hanf und die Zukunft des Bauens</title>
		<link>https://knowledge.iba27.de/im-gespraech-henrik-pauly/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Jul 2025 13:47:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Materialgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Unkategorisiert]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Henrik Pauly ist Bauingenieur, Gründer und Geschäftsführer von Hanfingenieur. Seit seiner Jugend beschäftigt er sich mit den Potenzialen der Hanfpflanze fürs Bauen – heute entwickelt er mit seinem Team kreislauffähige Gebäude aus Hanfkalk und anderen naturbasierten Materialien. Im Gespräch mit Melissa Acker (Studio Sustainable Matter) spricht er über seinen Weg, regulatorische Hürden und die Vision [&#8230;]</p>
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<p><em>Henrik Pauly ist Bauingenieur, Gründer und Geschäftsführer von Hanfingenieur. Seit seiner Jugend beschäftigt er sich mit den Potenzialen der Hanfpflanze fürs Bauen – heute entwickelt er mit seinem Team kreislauffähige Gebäude aus Hanfkalk und anderen naturbasierten Materialien. Im Gespräch mit Melissa Acker (Studio Sustainable Matter) spricht er über seinen Weg, regulatorische Hürden und die Vision eines CO₂-speichernden Bauwesens. Das Interview entstand im Frühjahr 2025 während der Recherche zu biobasierten Baustoffen für die IBA’27 durch Biobased Creations.</em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Wie ist dein persönlicher Hintergrund bzw. Lebensweg – wie bist du in die Welt des nachhaltigen Bauens gekommen und was ist deine derzeitige Rolle bzw. Berufsbezeichnung?</h4>



<p><em>Henrik Pauly:</em> Für Hanf begeistere ich mich schon seit meinem elften Lebensjahr, als ich im Hanf Haus in Reutlingen lernte, wie vielzeitig diese Pflanze eingesetzt werden kann! Nach einer Ausbildung zum Stahlbetonbauer studierte ich Bauingenieurwesen und arbeitete von da an auf vielen Großbaustellen als Bauleiter – in mir wuchs jedoch schnell der Wunsch, mich wirklich nachhaltigen Bauprojekten zu widmen. Den massiven Baustoff, der aus Hanf und Kalk hergestellt wird, lernte ich zufällig im Hanf Museum in Berlin kennen. Zusätzlich fiel mir dort im Museums-Shop Steve Allin‘s Buch über das Bauen mit Hanf in die Hände.</p>



<p>Seitdem beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema und habe 2020 mein Unternehmen Hanfingenieur gegründet – heute leite ich als Geschäftsführer ein Team von 6 Ingenieur:innen und Architekt:innen. Mit unseren vier Standbeinen (Architektur und Ingenieurleistungen, Baustoffhandel, Wissensvermittlung und Bauausführung) wollen wir das Bauen mit Hanf auf ein höheres Niveau bringen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Was ist das primäre Ziel deines Unternehmens und was unterscheidet es von anderen Herstellern in der Branche?</h4>



<p><em>Henrik Pauly:</em> Wir sind Wegbereiter für Klimaneutralität und Schadstofffreiheit im Bausektor, indem wir innovative, vollkommen natürliche Baustoffe der breiten Masse an Immobilieneigentümer:innen zugänglich machen. Damit schonen wir die Umwelt, erhöhen die Biodiversität auf dem Acker und senken den Energieverbrauch von Gebäuden erheblich. Unsere Häuser sind echte CO<sub>2</sub>-Speicher und während der Nutzung gesund für die Bewohner:innen. Am Ende der Lebenszeit entsteht kein Sondermüll. Damit ist unser Geschäftsmodell in Deutschland einzigartig. Unsere Vision ist es, die Baubranche zu transformieren, damit Hanf als nachwachsender Rohstoff standardmäßig in jedem Gebäude verwendet wird.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Am Ende der Lebenszeit entsteht kein Sondermüll.«</strong><br><em>Henrik Pauly<strong> </strong></em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo siehst du die größten Herausforderungen, aber auch mögliche Lösungen in Bezug auf deine eigene Arbeit oder den Bereich, in dem du direkt tätig bist?</h4>



<p><em>Henrik Pauly:</em> Momentan ist das ökologische Bauen in der Gesellschaft weitgehend unbekannt. Auch diverse Vorbehalte mancher Leute gegenüber Nutzhanf erfordern stetige Erklärungsarbeit. Diesen Herausforderungen stellen wir uns, indem wir aktiver auf Kunden, Geschäftspartner:innen und Entscheidungsträger:innen in Politik und Ämtern zugehen wollen.<br>Eine weitere Hürde sind teilweise noch fehlende Prüfungen und Zulassungen von 100 Prozent natürlichen Baustoffen. Deshalb wollen wir uns mit anderen Stakeholdern vernetzen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wie beurteilst du den Einsatz biobasierter Baustoffe derzeit auf dem deutschen Markt und wie können diese deiner Meinung nach im derzeitigen Bauwesen am wirkungsvollsten integriert werden?</h4>



<p><em>Henrik Pauly:</em> Am wirkungsvollsten können biobasierte Baustoffe zum Einsatz kommen, wenn sie preiswerter als konventionelle Materialien sind.</p>



<p>Nachwachsende Dämmstoffe machen weniger als sieben Prozent des deutschen Marktes aus, nur fünf Prozent davon sind aus Hanf. Dies liegt u.a. an der Stigmatisierung von Hanf als Droge, fehlender Aufklärung, Preisdruck durch subventionierte fossile Baustoffe und einer unausgereiften Hanfwertschöpfungskette.</p>



<p>Zudem fehlen Normen und Zulassungen. Wir arbeiten mit Baustoffproduzenten und der Politik zusammen, um Lösungen zu entwickeln. Kreislaufgerechte Gebäude bieten langfristig bis zu 50 Prozent Kostenvorteile durch geringere Entsorgungskosten und niedrigere Betriebskosten.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Nachwachsende Dämmstoffe machen weniger als sieben Prozent des deutschen Marktes aus, nur fünf Prozent davon sind aus Hanf.</strong>«<br><em>Henrik Pauly<strong> </strong></em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo siehst du Möglichkeiten, zirkuläre Methoden wie Modularität, Rückbaubarkeit, Wiederverwendung und Recycling mit naturbasierten Produkten oder Anwendungen zu kombinieren?</h4>



<p><em>Henrik Pauly:</em> Wir sind bereits in den Bereichen Wiederverwendung, Modularität und Einsatz naturbasierter Produkte auf einem hohen Niveau. Dennoch gibt es noch einiges an Verbesserungspotenzial in allen Bereichen des zirkulären Bauens. Die kreislaufgerechte Wiederverwertung&nbsp;von Hanfkalk wird in den nächsten Jahrzehnten eine immer größere Rolle spielen, wenn immer mehr Gebäude aus Hanfkalk gebaut werden.</p>



<p>Bereits in mehreren Projekten haben wir Baustoffe aus dem Rückbau wieder im Baukörper eingesetzt, z.B. alte Holzbalken als Innenwände, ausgefacht mit Hanfkalk, oder Abbruchziegel als Innenwände neu vermauert.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Welche Strategie oder welche spezifischen Lösungen siehst du als entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung der Region Baden-Würrtemberg oder allgemein in Deutschland an?</h4>



<p><em>Henrik Pauly:</em> Eine zentrale Maßnahme für eine nachhaltige Entwicklung besteht darin, klimaschädliche Bauprozesse nicht länger zu subventionieren. Dazu zählen insbesondere die Produktion petrochemischer Dämmstoffe und industrieller Zement. Gleichzeitig sollten Förderstrukturen für nachwachsende, klimafreundliche Rohstoffe wie Hanf geschaffen werden – auch in der Landwirtschaft. Während beispielsweise der Anbau von Mais subventioniert wird, bleibt Hanf bislang unberücksichtigt.</p>



<p>Darüber hinaus ist die Wissensvermittlung entscheidend: Die Möglichkeiten von Hanf als nachhaltigem Baustoff müssen stärker kommuniziert werden. Hier engagieren wir uns bereits: etwa durch Fachveranstaltungen wie das Hanfbausymposium im Herbst 2024 an der HFT Stuttgart, und gezielte Öffentlichkeitsarbeit. Mit meinem Kollegen Felix Drewes schreibe ich gerade an einem Fachbuch über das Bauen mit Hanf, das noch dieses Jahr vom ökobuch Verlag veröffentlicht wird.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Call for action: Was ist dein Wunsch, was sollten die Akteur:innen im Bauwesen heute tun, um ihre Projekte mit natürlichen und kreislauffähigen Baustoffen zu realisieren?</h4>



<p><em>Henrik Pauly:</em> Mutiger werden im Einsatz von natürlichen Baustoffen! Die Transformation hin zu ökologischem, gesunden Bauen muss in vielen kleinen Schritten vollzogen werden; man kann nicht in einem Projekt alles auf einmal umkrempeln. Wir haben am Anfang auch versucht alles 100 Prozent umzustellen, aber das funktioniert nicht. Mein Tipp: In jedem Projekt einen konventionellen Baustoff durch einen natürlichen ersetzen. Einfach machen. Dazu sollte man immer hinterfragen, was das Bauteil eigentlich erfüllen muss und ob es auch noch andere nachhaltige Lösungen gibt. Mit jedem Projekt wird dann mehr verändert – Stück für Stück. Jede große Reise fängt mit dem ersten Schritt an.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Mein Tipp: In jedem Projekt einen konventionellen Baustoff durch einen natürlichen ersetzen.</strong> <strong>Einfach machen.</strong>«<br><em>Henrik Pauly</em></p>



<p class="has-text-align-left"><a href="https://knowledge.iba27.de/materialdatenbank-artikel/hanfingenieur-gespruehter-hanfkalk/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Mehr über gesprühten Hanfkalk</a></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hanfingenieur_Hanfkalk-gesprüht_Anwendung3_Lara-Krause-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-39347" srcset="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hanfingenieur_Hanfkalk-gesprüht_Anwendung3_Lara-Krause-1024x768.jpg 1024w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hanfingenieur_Hanfkalk-gesprüht_Anwendung3_Lara-Krause-300x225.jpg 300w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hanfingenieur_Hanfkalk-gesprüht_Anwendung3_Lara-Krause-768x576.jpg 768w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hanfingenieur_Hanfkalk-gesprüht_Anwendung3_Lara-Krause-1536x1152.jpg 1536w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hanfingenieur_Hanfkalk-gesprüht_Anwendung3_Lara-Krause-2048x1536.jpg 2048w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hanfingenieur_Hanfkalk-gesprüht_Anwendung3_Lara-Krause-950x713.jpg 950w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Hanfingenieur_Hanfkalk-gesprüht_Anwendung3_Lara-Krause-1500x1125.jpg 1500w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Gesprühter Hanfkalk. Bild: Lara Krause</figcaption></figure>



<p class="has-text-align-right"><em><strong> </strong></em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://knowledge.iba27.de/im-gespraech-henrik-pauly/">Im Gespräch: Henrik Pauly über Bauen mit Hanf und die Zukunft des Bauens</a> erschien zuerst auf <a href="https://knowledge.iba27.de">IBA’27 Wissensdatenbank</a>.</p>
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		<item>
		<title>Im Gespräch: Simon Breidenbach über Tradition, Transformation und Lehm als Baustoff der Zukunft</title>
		<link>https://knowledge.iba27.de/simon-breidenbach/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 13 Jun 2025 10:16:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Materialgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Unkategorisiert]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://knowledge.iba27.de/?p=39483</guid>

					<description><![CDATA[<p>Simon Breidenbach ist Vertriebsleiter bei ClayTec, einem Pionierunternehmen für Lehmbaustoffe mit Sitz am Niederrhein. Aufgewachsen in einer Architektenfamilie, prägte ihn früh die Überzeugung, dass nachhaltiges Bauen auch technisch überlegtes Bauen ist. Mit Nina Grunenberg spricht über Lehm als zirkuläres Schlüsselmaterial, wirtschaftliche Hürden in der Bauwende und warum der Gebäuderessourcenpass zum Game-Changer werden könnte. Das Interview [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://knowledge.iba27.de/simon-breidenbach/">Im Gespräch: Simon Breidenbach über Tradition, Transformation und Lehm als Baustoff der Zukunft</a> erschien zuerst auf <a href="https://knowledge.iba27.de">IBA’27 Wissensdatenbank</a>.</p>
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<p><em>Simon Breidenbach ist Vertriebsleiter bei ClayTec, einem Pionierunternehmen für Lehmbaustoffe mit Sitz am Niederrhein. Aufgewachsen in einer Architektenfamilie, prägte ihn früh die Überzeugung, dass nachhaltiges Bauen auch technisch überlegtes Bauen ist. Mit Nina Grunenberg</em> <em>spricht über Lehm als zirkuläres Schlüsselmaterial, wirtschaftliche Hürden in der Bauwende und warum der Gebäuderessourcenpass zum Game-Changer werden könnte. <em>Das Interview entstand im Frühjahr 2025 im Zuge der Materialrecherche für die IBA’27 durch Biobased Creations.</em></em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Beschreibe Deinen persönlichen Hintergrund und Lebensweg. Wie bist Du in die Welt des nachhaltigen Bauens gekommen und was ist Deine derzeitige Rolle?</h4>



<p>Simon Breidenbach: Nach meinem Studium der Wirtschaftswissenschaften und internationalem Vertrieb in Wien zog es mich 2021 in den Bereich des nachhaltigen Bauens. Angesichts des Baubooms und der steigenden Nachfrage nach Fachkräften, besonders nach der Bundestagswahl 2021, entschied ich mich, diesem Sektor zu folgen. Das Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz war zu dieser Zeit besonders präsent.</p>



<p>Ich finde es gerade beim Lehm so faszinierend, dass er, obwohl er wasserlöslich und immer wiederverwendbar ist, Gebäude entstehen lässt, die tausende Jahre alt werden können, aber auch in einer sehr kurzen Zeit wieder der Natur zurückgeben werden können.</p>



<p>Mein Vater hat mir immer erzählt, wie sie damals mit den Fachwerkbaustellen den jahrhundertealten Lehm in bester Qualität in den Gefachen vorgefunden haben und das eigentlich einwandfreies Material war.</p>



<p>Meine Oma, Inge Breidenbach, hat als Architektin das Bundesverdienstkreuz bekommen für ihren Einsatz für den Denkmalschutz am linken Niederrhein. Sie war eine der ersten Architektinnen in Deutschland, die Fachwerkhäuser wieder so restauriert hat, wie sie vor 500 Jahren auch erbaut wurden. Für sie war das in erster Linie keine Entscheidung aus ökologischen Gesichtspunkten, sondern aus rein bautechnischen Gründen. Es funktioniert im System. Holz und Lehm schützen sich gegenseitig und so können Gebäude jahrhundertelang bestehen.<br>Mit dieser technischen Entscheidung brachten meine Großeltern als Architekten den Lehm wieder ins Fachwerk. Leider gab es keine Handwerker, die über dieses Wissen verfügten, sodass mein Vater die Ausführung übernehmen musste. Da es das Material nicht zu kaufen gab, experimentierte mein Vater mit eigenen Mischungen. Am Niederrhein gibt es sehr viel Lehm im Boden, und daraus entstand dann unser Unternehmen Claytec GmbH, bei dem ich heute Vertriebsleiter bin.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Was ist das primäre Ziel Von Claytec Lehmbaustoffe und was unterscheidet es von anderen Herstellern in der Branche?</h4>



<p>Simon Breidenbach: Das primäre Ziel ist Wirtschaftlichkeit, wir sind ein Handelsunternehmen. Wir müssen wirtschaftlich arbeiten und wirtschaftlich erfolgreich sein, um Materialien herstellen zu können, um Mitarbeiter bezahlen zu können, um im Markt aktiv zu sein. Wir handeln mit einem fantastischen Material, das einen großen Impact auf die Bauwende haben kann. Wir können helfen die Bauwende zu gestalten, indem wir nachhaltige Materialen wie Lehm und Holz zur Verfügung stellen. Je wirtschaftlicher wir sind, desto erfolgreicher können wir einen aktiven Beitrag zur Bauwende leisten. </p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Wir handeln mit einem fantastischen Material, das einen großen Impact auf die Bauwende haben kann.</strong>«<br>Simon Breidenbach</p>



<p class="has-text-align-left"><br>Und dann ist es natürlich Ziel, den Baustoff Lehm dort in die Anwendungen zu bringen, wo er wirklich gut energieintensive Baustoffe substituieren kann, bautechnisch sinnvoll ist und dementsprechend seine Effekte voll ausspielen kann. Lehm ist aber kein Baustoff, den man pauschal überall einsetzen sollte und müsste. Wir werden keine Brücken aus Lehm bauen. Lehm ist und soll wasserlöslich sein, deshalb gehört er nicht in den Außenbereich.</p>



<p>Wir sind der einzige überregionale Baustoffhersteller im Bereich der Lehmbaustoffe. Mit Standorten und Mitarbeitenden sind wir deutschland- und europaweit tätig. Wir haben ein umfangreiches Produktportfolio, wir können in allen Bereichen Lösungen und Systeme anbieten. Wir sind auch, was Zulassungen und technische Nachweise angeht, sehr gut entwickelt und verfügen über die Produktionskapazitäten, die es benötigt, um größere Bauvorhaben mit Lehm umzusetzen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo siehst Du die größten Herausforderungen, aber auch mögliche Lösungen in Bezug auf Deine eigene Arbeit oder den Bereich, in dem Du direkt tätig bist?</h4>



<p>Simon Breidenbach: Die größte Herausforderung ist das sehr starre System der Baubranche. Es gibt immer sehr viele Beteiligte in sehr langwierigen Prozessen. Hier Veränderungen anzubringen ist nicht einfach. Wir müssen alte Strukturen aufbrechen und die Gesamtbranche informieren, dass es Alternativen gibt. Dieser Wissenstransfer ist eine grosse Herausforderung. Die Baubranche ist extrem innovationsfeindlich. Es ist belegt, dass es in den letzten 40 Jahren keine Effizienzgewinne gab. Da ist die Landwirtschaft noch progressiver. Und dann natürlich die Kosten. Wir produzieren vergleichsweise in so kleinen Stückzahlen, dass Skaleneffekte hinsichtlich der Produktionskosten noch nicht möglich sind. Wir produzieren mit relativ viel Aufwand, relativ kleine Mengen, das macht die Produkte im Einzelnen teurer.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Die Baubranche ist extrem innovationsfeindlich. Es ist belegt, dass es in den letzten 40 Jahren keine Effizienzgewinne gab.«</strong><br>Simon Breidenbach<br></p>



<p>Wir geben viele Schulungen, arbeiten zusammen mit Universitäten, mit Handwerkskammern und Architektenbüros, sind aber auch ein relativ kleines Unternehmen und kommen da immer wieder an unsere Grenzen. Das Tagesgeschäft holt uns auf den Boden der Tatsachen zurück.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wie beurteilst Du den Einsatz biobasierter Baustoffe derzeit auf dem deutschen Markt und wie können diese Deiner Meinung nach im derzeitigen Bauwesen am wirkungsvollsten integriert werden?&nbsp;</h4>



<p>Simon Breidenbach: Der Baustoff Holz gewinnt zunehmend an Bedeutung, spielt jedoch prozentual im Bauwesen noch immer eine untergeordnete Rolle. Eine echte Veränderung kann nur erfolgen, wenn externalisierte Kosten berücksichtigt werden – also der gesamte Lebenszyklus eines Baustoffs. Materialien, die nach ihrer Nutzung wiederverwendet oder der Natur zurückgegeben werden können, sind ökologisch und wirtschaftlich deutlich sinnvoller als solche, die zu Abfall werden.</p>



<p>Ein Schlüssel dazu ist der Gebäuderessourcenpass, den der Landkreis Viersen bereits einsetzt. Er nutzt eine spezielle Regelung aus Nordrhein-Westfalen, die es erlaubt, bei Vorliegen eines dokumentierten Ressourcenpasses 20 Prozent der Errichtungskosten steuerlich abzuschreiben. Das ist aktuell einzigartig in Deutschland.</p>



<p>Der Pass erfasst detailliert alle verwendeten Materialien, ihre Herkunft und ihre Umweltauswirkungen. So werden Gebäude von Beginn an kreislauffähig geplant. Die digitale Dokumentation jeder Komponente ermöglicht eine transparente Bilanzierung und langfristige Werterhaltung – anstelle späterer Abrisskosten steht ein Rohstoffwert.</p>



<p>Auch wenn die Erstellung einer CO₂-Bilanz etwas mehr kostet, verändert sich durch diesen Ansatz die wirtschaftliche Betrachtung eines Gebäudes grundlegend. Der Landkreis Viersen geht hier mit gutem Beispiel voran – ökologisch wie ökonomisch – und zeigt, dass nachhaltiges Bauen auch finanziell sinnvoll ist.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo siehst Du Möglichkeiten, zirkuläre Methoden wie Modularität, Rückbaubarkeit, Wiederverwendung und Recycling mit dem Übergang zu naturbasierten Produkten oder Anwendungen zu kombinieren?</h4>



<p>Simon Breidenbach: Diese Frage nehme ich natürlich mit meinem Baustoff Lehm mit Kusshand! Wir haben einen wasserlöslichen Baustoff als Bindemittel. Als einziges plastisches Baumaterial ist Lehm wasserlöslich und wieder zu trennen. Wir haben mit Lehm die Möglichkeit, nicht nur unser eigenes Material kreislauffähig zu haben durch die Zugabe von Wasser. Wir können mit unserem Baustoff auch andere Baustoffe kreislauffähig machen.</p>



<p>Deshalb ist auch die Wasserlöslichkeit das oberste Gut, was wir vor Additiven und Co schützen müssen. Wenn wir zum Beispiel einen Ziegel mit Lehm-Dünnbettmörtel vermauern, bleiben beide Baustoffe kreislauffähig. Mit einem sehr harten Mörtel sind sie nicht mehr voneinander zu scheiden und können nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form eingesetzt werden. Und das ist natürlich auch hinsichtlich Modularität, Rückbaubarkeit und so weiter ein Riesenthema, was aber gar nicht so einfach zu vermitteln ist. Für jeden Ziegelhersteller kann ein Lehmmörtel einen Game-Changer darstellen; das wird aber komischerweise nicht verstanden. In EPD’s <em>(Environmental Product Declaration)</em> kann man die Kreislauffähigkeit von Baustoffen nachlesen, bei Lehmbaustoffen ist der Faktor extrem hoch und deshalb ist die Ökobilanz auch so gut.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Welche Strategie oder welche spezifischen Lösungen siehst Du als entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung der Region Baden-Württmeberg oder allgemein in Deutschland an?</h4>



<p>Simon Breidenbach: Der größte Hebel in allen Transformationsprozessen ist das Geld. Solange Leute für schlechte oder umweltschädliche Sachen nicht mehr zahlen als für gesunde und nachhaltige, dann wird das echt schwierig. Das nur auf regionaler Ebene zu sehen ist schwierig. Trotzdem halte ich es für sinnvoll. Ich glaube, wer nicht ökologisch handelt oder da vorausgeht, wird in Zukunft auch ein ökonomisches Problem bekommen.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Der größte Hebel in allen Transformationsprozessen ist das Geld.«</strong><br>Simon Breidenbach<br><strong> </strong></p>



<p>Mein Traum wäre es, in jedem Bundesland einen voll ausgestatteten Standort zu haben um Lehmbaustoffe zu produzieren. Erdfeuchte Putze, Trockenmörtel und Lehmplatten. Das halte ich für absolut notwendig. Das sind unternehmerischen Ziele, auch wenn die wirtschaftliche Situation in der Branche gerade sehr schwierig ist. Wir sollten die lokalen Baustoffe nutzen, das heisst Stroh, Holz, Lehm, Kalk, alles was da ist, so wie das eigentlich früher war. Früher wurde mit dem gebaut, was in der Umgebung zu finden war. Rohstoffe gibt es überall im Land, wir könnten mit kurzen Transportwegen jede Region mit Ihrem eigenen Rohstoff beliefern.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Call for action: Was ist Dein Wunsch, was sollten die Akteur:innen im Bauwesen heute tun, um ihre Projekte mit natürlichen und kreislauffähigen Baustoffen zu realisieren?</h4>



<p>Simon Breidenbach: Die gesamten Lebenszykluskosten einfach schwarz auf weiß hinschreiben! Wenn wir immer nur A und B auf Produktebene vergleichen, wird es schwierig. Wir müssen von ganzen Projekten die gesamten Lebenszykluskosten wirklich schwarz auf weiß festhalten. Bauherren, Architekten, Bauträger, Behörden &#8211; alle sind mittlerweile überfordert zusammen auf ein sinnvolles&nbsp; Ergebnis hin zu arbeiten. Eine Maßregel wie der Gebäuderessourcen Pass schafft da ein transparentes Modell mit klarer Zielsetzung.</p>



<p>Es wird deutlich, welches Material welchen Beitrag leistet, welche Technik notwendig ist – und worauf wir verzichten können. So lässt sich der Fokus aufs Wesentliche richten, und der gesamte Prozess wird finanzierbar. Entscheidend ist: den gesamten Lebenszyklus betrachten und konsequent ins Life Cycle Assessment überführen.</p>



<p><a href="https://knowledge.iba27.de/materialdatenbank-artikel/claytech-lehmbaustoffe/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Mehr über die Produkte von ClayTec</a></p>
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		<title>Im Gespräch: Hanaa Dahy über Biomaterialien und Bauinnovation</title>
		<link>https://knowledge.iba27.de/im-gesprach-hanaa-dahy/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 13 Jun 2025 09:09:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Materialgeschichten]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://knowledge.iba27.de/?p=39464</guid>

					<description><![CDATA[<p>Assoc.-Prof. Hanaa Dahy ist Architektin, Materialforscherin und Gründerin von BioMat. Seit über 15 Jahren entwickelt sie biobasierte Baustoffe aus agrarischen Reststoffen und kombiniert diese mit digitalen Fertigungstechnologien. Im Gespräch mit Melissa Acker (Studio Sustainable Matter) berichtet sie von ihrem Werdegang, den Potenzialen von Stroh, Flachs &#38; Co. und den strukturellen Hürden für innovative Materialien. Das [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://knowledge.iba27.de/im-gesprach-hanaa-dahy/">Im Gespräch: Hanaa Dahy über Biomaterialien und Bauinnovation</a> erschien zuerst auf <a href="https://knowledge.iba27.de">IBA’27 Wissensdatenbank</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>Assoc.-Prof. Hanaa Dahy ist Architektin, Materialforscherin und Gründerin von BioMat. Seit über 15 Jahren entwickelt sie biobasierte Baustoffe aus agrarischen Reststoffen und kombiniert diese mit digitalen Fertigungstechnologien. Im Gespräch mit Melissa Acker (Studio Sustainable Matter) berichtet sie von ihrem Werdegang, den Potenzialen von Stroh, Flachs &amp; Co. und den strukturellen Hürden für innovative Materialien. Das Interview entstand im Frühjahr 2025 im Zuge der Materialrecherche für die IBA’27 durch Biobased Creations.</em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Beschreiben Sie Ihren persönlichen Hintergrund bzw. Lebensweg – wie sind Sie in die Welt des nachhaltigen Bauens gekommen und was ist Ihre derzeitige Rolle bzw. Berufsbezeichnung?&nbsp;</h4>



<p><em>Hanaa Dahy:</em> Ich wollte eigentlich schon als kleines Kind Architektin werden. Meine Mutter war auch Architektin und Professorin und in meiner Familie gab es mehrere Bauunternehmen. Ich habe in Kairo <em>Architectural Engineering</em> studiert – also Architektur-Ingenieurwesen. Mein Bachelorstudium an der Ain Shams Universität in Kairo, das ganze zehn Semester umfasste, war sehr technisch ausgelegt – beispielsweise umfasste es auch Materialienwissenschaften und <em>Engineering Chemistry</em>. Diese technische Tiefe hat mir später sehr geholfen, mich in der Materialentwicklung sicher zu bewegen. Eine intensive, interdisziplinäre Ausbildung, die sowohl gestalterische als auch technische Kompetenzen vermittelt. 2003 schloss ich mit Auszeichnung meinen Bachelor ab und 2006 meinen Master. Mein erstes Büro gründete ich in Kairo. In Ägypten bin ich in der Ingenieurkammer registriert, während ich hier in Deutschland inzwischen Mitglied der Architektenkammer bin.</p>



<p>2009 kam ich nach Deutschland um meine Promotion zu beginnen und arbeitete dafür bis 2014 an der Universität Stuttgart an einem Institut, das primär auf Bauingenieurwesen spezialisiert ist. Dort hatte ich die Möglichkeit, mich weiter auf Materialinnovationen in der Richtung Biomaterialien zu fokussieren. Mein großes Thema wurde die Wiederverwendung agrarischer Reststoffe – insbesondere Reisstroh.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Warum verbrennen wir diese Ressource, wenn sie Potenzial für industrielle Anwendungen hat?</strong>«<br><em>Assoc.-Prof. Hanaa Dahy</em></p>



<p>Der Auslöser dafür war ein Umweltproblem in meiner Heimat Ägypten – die »Schwarze Wolke«, eine massive Luftverschmutzung, die durch das Abbrennen von Reisstroh nach der Ernte verursacht wird. Ich fragte mich: Warum verbrennen wir diese Ressource, wenn sie Potenzial für industrielle Anwendungen hat? Schnell stellte sich heraus, dass es sich nicht um ein lokales, sondern ein globales Problem handelt – dass weltweit diese Art der offenen Verbrennung stattfindet. Meine Dissertation beschäftigte sich daher mit der Frage, wie diese ungenutzte Biomasse in nachhaltige Baumaterialien umgewandelt werden kann. Ich stellte ich fest, dass es kein Produkt gab, das aus recyceltem Stroh oder Agrarfasern besteht und gleichzeitig anspruchsvolle Geometrien – insbesondere Freiformen – zulässt. Diese Lücke wollte ich füllen und untersuchte drei Hauptgruppen von Bindemitteln: Thermoplaste, Duroplaste und Thermoelastomere.<br>Die Materialwissenschaft war anfangs eine Herausforderung, da ich aus der Architektur kam. Selbstständig eignete ich mir Wissen über Bindemittel und Verarbeitungsverfahren an. Im Laufe der Zeit habe ich intensive Kooperationen mit führenden Forschungseinrichtungen aufgebaut – etwa mit dem Fraunhofer-Institut und Expert:innen aus dem Flugzeug- und Automobilbau. Gerade diese Bereiche sind uns im Bauwesen in Sachen Leichtbau und Materialeffizienz weit voraus. Besonders spannend war für mich, wie viel Potenzial der Bausektor bietet, wenn Architekt:innen, Ingenieur:innen und Materialwissenschaftler:innen frühzeitig zusammenarbeiten. Dies zeigte mir, wie groß unser Einfluss auf den Lebenszyklus eines Gebäudes sein kann.<br>Während meiner Promotion habe ich mein erstes industrielles Projekt »PLUS« akquiriert – in Zusammenarbeit mit einer größeren Projektgruppe. Daraus entstand für mich eine Postdoc-Position. 2016 habe ich dann die Juniorprofessur am Institut für Tragkonstruktionen und Konstruktives Entwerfen (ITKE) erhalten und die Abteilung BioMat »Biomaterialien und Stoffkreisläufe in der Architektur« gegründet und aufgebaut. Inzwischen bin ich Assoziierte Professorin für nachhaltiges Design und integrierte Technologie an der Aalborg Universität – dem BioMat@Copenhagen, und gleichzeitig Geschäftsführerin der BioMat GmbH und der BioMat TGU bei der TTI GmbH in Stuttgart, wo auch meine Familie wohnt und mein Lebensmittelpunkt ist.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Was ist das primäre Ziel Ihrer Organisation oder Ihres Unternehmens und was unterscheidet es von anderen Herstellern in der Branche?</h4>



<p><em>Hanaa Dahy:</em> Wir arbeiten nach dem Prinzip ›Materials as a Design Tool‹ – einem Entwurfsansatz, bei dem das Material den Ausgangspunkt bildet, nicht die Geometrie. Ob es um ein gesamtes Gebäude oder einzelne Elemente geht: Unsere Planung basiert immer auf drei Hauptelementen:<br>den Materialien bzw. Ressourcen, den Fertigungstechnologien, die bestimmen, welche Form überhaupt produzierbar ist, und Computational Design, d.h. wir setzen stark auf computergestützte Entwurfsprozesse, die uns eine digitale Fertigung ermöglichen. Selbst bei konventionellen Verfahren wie Extrusion oder Pultrusion nutzen wir Computational Design, um Bauteile effizient zu gestalten und Herstellbarkeit zu optimieren.</p>



<p>Mein Unternehmen BioMat arbeitet entlang von vier <em>Business Lines</em>: Erstens Architektur- und Entwurfsplanung, zweitens die Entwicklung und Fertigung von Bauteilen, Elementen und Möbeln, drittens der Technologietransfer – also neue Materialien und Innovationen für andere nutzbar machen – und viertens: GIS und <em>Remote Sensing</em> als Dienstleistung, die wir künftig stärker sichtbar machen wollen.<br>Ich verbinde Forschung, Lehre, Design und Umsetzung – Unsere Entwicklungen bleiben nicht im Labor, sondern werden real gebaut: als Fassaden, Pavillons, Möbel, Bauteile. Dabei kooperieren wir mit Industriepartnern, Städten und Architekturbüros.<br>Wir sind dafür bekannt, dass wir biobasierte Rohstoffe wie Stroh, Flachs oder Kokos mit digitalen Technologien wie additive Fertigung, robotische Prozesse oder Verfahren aus anderen Branchen kombinieren – z. B. textilen Verfahren aus dem Flugzeugbau: TFP (Tailored Fibre Placement) erlaubt es, Langfasern robotisch in präzisen Bahnen zu platzieren – ein Verfahren, das auch als »Stitching« bezeichnet wird. Ich war die Erste, die TFP in die Architektur überführt hat – für leichte, belastbare, geometrisch komplexe Bauteile. Und das Verfahren ist skalierbar: von Einzelstücken bis zur Serienproduktion. Diese Verbindung – biobasierte Rohstoffe plus Hochtechnologie – ist etwas, das man in der Branche noch sehr selten findet.<br><br>Unsere Lösungen sind immer projektbasiert und individuell – keine Massenproduktion, aber skalierbar. Wenn Architekturbüros oder Unternehmen bestimmte Systeme (z. B. Fassadenelemente) in Serie bringen wollen, bieten unsere Verfahren die technologische Grundlage. Dabei begleiten wir den gesamten Entwicklungsprozess: vom Rohstoff über die Formfindung bis zur Fertigung.Unser Ziel: eine Brücke schlagen zwischen Forschung, Design und Baupraxis – mit funktionalen, tragfähigen und gestalterisch anspruchsvollen Materialien.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Unser Ziel: eine Brücke schlagen zwischen Forschung, Design und Baupraxis – mit funktionalen, tragfähigen und gestalterisch anspruchsvollen Materialien.</strong>«<br><em><em>Assoc.-Prof. Hanaa Dahy</em></em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo sehen Sie die größten Herausforderungen, aber auch mögliche Lösungen in Bezug auf Ihre eigene Arbeit oder den Bereich, in dem Sie direkt tätig sind?</h4>



<p><em>Hanaa Dahy:</em> Ganz klar: bei der Zertifizierung. Unser System ist technisch ausgereift und skalierbar. Dennoch erschweren uns administrative Hürden den Markteintritt. Obwohl wir über umfangreiche Materialdaten und Nachweise verfügen, sind offizielle Zulassungen – etwa durch Materialprüfungsanstalten – oft zwingende Voraussetzung für größere Bauprojekte. Diese Verfahren sind jedoch zeit- und kostenintensiv und übersteigen häufig den Projektwert. Für kleine Unternehmen ist das schwer tragbar, selbst wenn die Produkte bereits die Anforderungen erfüllen. Große Akteure können solche Prozesse leichter bewältigen – für uns sind sie eine echte Eintrittsbarriere. Besonders problematisch ist, dass für jede einzelne Eigenschaft – etwa Brandschutz – ein eigenes Zertifikat nötig ist. Solche Verfahren dauern Jahre und lohnen sich nicht bei kleinen Serien. Im Innenausbau ist der Druck geringer – hier sehen wir aktuell die besten Chancen für den Einstieg. Langfristig braucht es flexiblere, praxisnähere Zulassungen, die Innovation ermöglichen. Nur so lassen sich biobasierte Materialien im größeren Maßstab etablieren – ökologisch und zukunftsweisend.</p>



<p>Eine weitere zentrale Herausforderung liegt im System selbst – in Ausbildung wie Planungspraxis. Das Bauwesen folgt oft tradierten Strukturen, in denen neue Materialien, zirkuläres Denken und alternative Fertigungsmethoden kaum verankert sind. In vielen Büros wird mit dem gearbeitet, was bekannt ist – nicht aus Ablehnung, sondern aus Mangel an Wissen und Erfahrung mit biobasierten Lösungen. Diese Lücke beginnt bereits in der Lehre. Als ich beispielsweise im Oskar von Miller Forum einen Vortrag hielt, berichteten mir Bauingenieurstudierende, wie fasziniert sie seien – aber sie hätten nie gelernt, solche Systeme technisch zu planen oder zu berechnen. Ich selbst habe mir das nötige Material- und Ingenieurwissen damals eigenständig angeeignet – das kann aber nicht jede:r leisten. Wenn wir ernsthaft zirkulär und nachhaltig bauen wollen, braucht es eine tiefgreifende Reform der Lehre in der Architektur und angrenzenden Fachrichtungen wie Bauingenieurwesen, Geodäsie, Werkstofftechnik oder Maschinenbau. Andere Branchen – wie Luftfahrt oder Automotive – haben längst umgestellt, weil es um Effizienz und Leichtbau geht. Im Bauwesen gilt dagegen oft noch: Hauptsache langlebig.</p>



<p>Um Wandel zu ermöglichen, braucht es interdisziplinäre Teams, gezielte Weiterbildungen und institutionelle Anpassungen – etwa bei der HOAI, die Entwicklungsarbeit für zirkuläres Planen in frühen Leistungsphasen bislang nicht honoriert. Auch Forschung, Prototyping und Technologietransfer müssen stärker gefördert werden. Nur so lassen sich neue Materialien langfristig in der Baupraxis etablieren.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wie beurteilen Sie den Einsatz biobasierter Baustoffe derzeit auf dem deutschen Markt und wie können diese Ihrer Meinung nach im derzeitigen Bauwesen am wirkungsvollsten integriert werden?</h4>



<p><em><em>Hanaa Dahy</em></em>: Das Interesse an biobasierten Baustoffen ist heute deutlich größer als noch vor zehn Jahren – insbesondere nach der Corona-Pandemie. Viele Menschen haben seither ein stärkeres Bewusstsein dafür entwickelt, welche gesundheitlichen Risiken von künstlichen Materialien ausgehen können. Trotzdem bleibt der Bausektor in Deutschland stark konventionell geprägt.</p>



<p>Was aktuell fehlt, ist eine strukturierte Zusammenarbeit zwischen Bauherr:innen, Politik und innovativen Unternehmen. Denn bislang tragen meist wir – die kleinen, forschungsgetriebenen Firmen – das gesamte Risiko für neue Entwicklungen. Das ist langfristig nicht tragfähig.</p>



<p>Häufig müssen bestimmte Anforderungen schon vor einer Beauftragung vollständig erfüllt sein. Diese Vorleistungen bedeuten für kleinere Unternehmen ein erhebliches finanzielles und organisatorisches Risiko. Hier braucht es transparente Regelungen und eine faire Aufteilung der Verantwortung, um Innovation zu ermöglichen, statt sie auszubremsen.</p>



<p>Natürlich machen wir Fortschritte – deutlich mehr als noch vor einigen Jahren. Doch gemessen an den ökologischen Herausforderungen kommen wir nicht schnell genug voran. Zwar ist das grundsätzliche Interesse an natürlichen Materialien in Deutschland erfreulich gewachsen, doch die tatsächliche Umsetzung bleibt begrenzt. Es fehlt an breiter Integration – sei es in der Planung, den Normen, den Regelwerken oder der Finanzierung. Vieles passiert nur dort, wo gezielt gefördert wird oder wo Einzelpersonen besonders engagiert sind.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo sehen Sie Möglichkeiten für technische Verbesserungen des Produkts, für eine Skalierung, für eine Erhöhung der positiven Auswirkungen auf die Umwelt, oder für eine bessere Integration in die Marktwirtschaft?</h4>



<p><em>Hanaa Dahy:</em> Viele biobasierte Materialien wie Stroh, Flachs, Hanf oder Kokosfaser gelten in Deutschland immer noch als Nischenprodukte. Sie stammen aus der Landwirtschaft, aus Abfallprozessen oder alternativen Kreisläufen, sind oft leicht, CO₂-negativ oder CO₂-neutral und bieten große Vorteile. Allerdings passen sie nicht in die traditionellen industriellen Fertigungsprozesse oder in die als »Standard« geltenden Praktiken vieler Planungsbüros.</p>



<p>Um diese Materialien effektiv zu integrieren, sind neue Fertigungsmethoden und Denkweisen erforderlich. In meiner Arbeit bei BioMat kombiniere ich biobasierte Materialien mit digitalen und additiven Fertigungsverfahren. Diese Technologie ermöglicht es, komplexe Geometrien mit biobasierten Materialien zu realisieren und sie in größeren Stückzahlen zu produzieren. Das ist skalierbar und umsetzbar.</p>



<p>Die wirkungsvollste Integration sehe ich darin, diese Materialien nicht einfach als Ersatz für bestehende Produkte zu sehen, sondern mit ihren eigenen gestalterischen und technologischen Qualitäten zu denken. Das erfordert eine neue Art der Planung – interdisziplinär, kollaborativ und offen für andere Produktionsketten. Und: Wir brauchen sichtbare Projekte im öffentlichen Raum, damit die Menschen sehen, wie zukunftsfähig, attraktiv und leistungsfähig solche Materialien heute schon sein können.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo sehen Sie Möglichkeiten, zirkuläre Methoden wie Modularität, Rückbaubarkeit, Wiederverwendung und Recycling mit dem Übergang zu naturbasierten Produkten oder Anwendungen zu kombinieren?</h4>



<p><em>Hanaa Dahy:</em> Ich sehe da sehr viele Anknüpfungspunkte. Biobasierte Materialien bringen bereits Qualitäten mit, die gut zu zirkulären Prinzipien passen. Wenn wir sie von Anfang an so denken – also modular, sortenrein, rückbaubar –, dann eröffnen sich völlig neue Konzepte. Doch das erfordert eine grundlegende Veränderung in der Art und Weise, wie wir entwerfen, planen und produzieren. Es reicht nicht aus, nur die Materialien zu wechseln – wir müssen das gesamte System neu gestalten.</p>



<p>In meiner Arbeit bei BioMat entwickeln wir beispielsweise modulare Fassadenelemente aus biobasierten Materialien, die vollständig rückbaubar und austauschbar sind. Dabei setzen wir additive Fertigungsverfahren ein, um nur das Material zu verwenden, das wirklich nötig ist – ohne Abfall oder Überproduktion. Diese Elemente lassen sich zudem anpassen, reparieren und recyceln, wodurch ein echter Kreislauf entsteht.</p>



<p>Ein wichtiger Aspekt ist auch die Rolle der Gestaltung. Modularität ist nicht nur eine technische, sondern auch eine gestalterische Frage. In meinen Projekten entsteht das Design oft direkt aus dem Material und dem Produktionsprozess. Diese Herangehensweise verleiht dem Bau eine besondere Formensprache und macht ihn flexibler. Ein Beispiel sind die <em>Bioflexi</em>-Paneele, die in unterschiedliche Formen gebracht, mehrfach verwendet oder weiterentwickelt werden können.</p>



<p>Zudem ist es entscheidend, solche Lösungen schon im Entwurf mitzuplanen. Das ist ein Punkt, den ich in der Lehre immer betone: Die jungen Architekt:innen und Ingenieur:innen müssen lernen, zirkuläres Denken nicht als Zusatz, sondern als integralen Bestandteil ihres kreativen Prozesses zu begreifen.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Wenn wir es schaffen, Material, Design und Technik von Anfang an zirkulär zu denken, können biobasierte Lösungen wirklich ihre Wirkung entfalten.</strong>«<br><em>Assoc.-Prof. Hanaa Dahy</em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Welche Strategie oder welche spezifischen Lösungen sehen Sie als entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung der Region Baden-Württemberg oder allgemein in Deutschland an?</h4>



<p><em>Hanaa Dahy</em>: Eine nachhaltige Entwicklung braucht mehr als neue Materialien – sie erfordert eine strukturelle Veränderung im Bauwesen und in der Ausbildung. Es reicht nicht, Innovationen zu fördern, wenn gleichzeitig die Systembedingungen sie blockieren. Die HOAI etwa vergütet viele nachhaltige Konzepte nicht oder schließt sie aus. Was nicht im Katalog steht, wird nicht bezahlt – das hemmt Innovation und macht nachhaltige Planung oft zu einer Frage des Idealismus.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Was nicht im Katalog steht, wird nicht bezahlt – das hemmt Innovation und macht nachhaltige Planung oft zu einer Frage des Idealismus.</strong>«<br><em>Assoc.-Prof. Hanaa Dahy</em></p>



<p>Die Reform muss ganzheitlich ansetzen: in der Lehre für alle relevanten Fachrichtungen und in den Rahmenbedingungen für Planung und Ausschreibung. Nur so wird nachhaltiges Bauen vom Sonderfall zum Standard.</p>



<p>Es gibt bereits positive Ansätze – etwa die MaterialBank (ehemals raumPROBE) in Stuttgart, die nachhaltige Baustoffe sichtbar macht, vernetzt und mit der jährlichen Auslobung ihres Materialpreises Anreize schafft: ich bin übrigens die Person mit den meisten Auszeichnungen. Solche Plattformen, kombiniert mit gezielten Anreizen, können echten Wandel fördern.</p>



<p>Wenn Baden-Württemberg eine Vorreiterrolle einnehmen will, braucht es Mut zur strukturellen Veränderung. Nicht nur Pilotprojekte, sondern Bedingungen, unter denen nachhaltige Ansätze skalierbar und wirtschaftlich umsetzbar sind.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Call for action: Was ist Ihr Wunsch, was sollten die Akteur:innen im Bauwesen heute tun, um ihre Projekte mit natürlichen und kreislauffähigen Baustoffen zu realisieren?</h4>



<p><em>Hanaa Dahy:</em> Mein Wunsch ist, dass alle Akteur:innen im Bauwesen ihre Verantwortung bewusst wahrnehmen und gemeinsam an einer nachhaltigen Zukunft arbeiten. Es reicht nicht, wenn dieses Thema nur von Einzelnen oder aus der Forschung kommt. Es muss in die Mitte der Gesellschaft getragen werden – in die Büros, die Behörden und die Praxis.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Mein Wunsch ist, dass alle Akteur:innen im Bauwesen ihre Verantwortung bewusst wahrnehmen und gemeinsam an einer nachhaltigen Zukunft arbeiten.«</strong><br><em>Assoc.-Prof. Hanaa Dahy</em><strong> </strong></p>



<p>Planer:innen spielen eine zentrale Rolle, da sie in frühen Phasen wichtige Entscheidungen treffen. Wenn sie biobasierte oder zirkuläre Materialien nicht vorschlagen, werden diese nicht berücksichtigt. Dafür ist es wichtig, dass sie gut informiert und geschult sind, insbesondere durch Fortbildung für Berufstätige, die nicht in ihrer Ausbildung mit diesen Themen vertraut gemacht wurden.</p>



<p>Mehr Informationen zu den Produkten und Anwendungen: <a href="https://knowledge.iba27.de/materialdatenbank-artikel/biomat/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">BioMat – Naturfaserverstärkte Kunststoffe (Biokomposite)</a></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Biomat-Pavilion-2018_8_Credit-BioMat-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-39303" srcset="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Biomat-Pavilion-2018_8_Credit-BioMat-1024x768.jpg 1024w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Biomat-Pavilion-2018_8_Credit-BioMat-300x225.jpg 300w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Biomat-Pavilion-2018_8_Credit-BioMat-768x576.jpg 768w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Biomat-Pavilion-2018_8_Credit-BioMat-1536x1152.jpg 1536w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Biomat-Pavilion-2018_8_Credit-BioMat-2048x1536.jpg 2048w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Biomat-Pavilion-2018_8_Credit-BioMat-950x713.jpg 950w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Biomat-Pavilion-2018_8_Credit-BioMat-1500x1125.jpg 1500w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">BioMat Pavilion 2018. Bild: BioMat</figcaption></figure>
<p>Der Beitrag <a href="https://knowledge.iba27.de/im-gesprach-hanaa-dahy/">Im Gespräch: Hanaa Dahy über Biomaterialien und Bauinnovation</a> erschien zuerst auf <a href="https://knowledge.iba27.de">IBA’27 Wissensdatenbank</a>.</p>
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			</item>
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		<title>Im Gespräch: Markus Wolf über Strohbau und Selbstwirksamkeit</title>
		<link>https://knowledge.iba27.de/markus_wolf/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Jun 2025 14:59:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Materialgeschichten]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://knowledge.iba27.de.ddev.site/?p=19062</guid>

					<description><![CDATA[<p>Mit einem Bürgerfest ist am Freitag das IBA’27-Projekt »Holzparkhaus Schwanenweg« in Wendlingen am Neckar offiziell eingeweiht worden. Es ist das zweite fertiggestellte Projekt der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27). Das Parkhaus wurde weitgehend aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz gebaut und speichert dadurch CO2. Es ist so konzipiert, dass es geschossweise umgenutzt werden kann, wenn in Zukunft weniger Parkplätze benötigt werden. Am Ende kann es nahezu abfallfrei abgebaut werden. Damit steht das Parkhaus beispielhaft für einen pragmatischen und zugleich zukunftsfähigen Umgang mit dem aktuellen Bedarf an Autostellplätzen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://knowledge.iba27.de/markus_wolf/">Im Gespräch: Markus Wolf über Strohbau und Selbstwirksamkeit</a> erschien zuerst auf <a href="https://knowledge.iba27.de">IBA’27 Wissensdatenbank</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>Markus Wolf ist Zimmerermeister und Vorstand der <a href="https://www.zimmerei-gruenspecht.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Zimmerei Grünspecht eG in Freiburg</a>. Seit über 20 Jahren gestaltet er den ökologischen Holzbau aktiv mit und hat den Strohbau als Standard im Neubau etabliert. Im Gespräch mit Melissa Acker erzählt er von seinem Weg in die nachhaltige Baupraxis, seinen persönlichen Motiven und den Herausforderungen im heutigen Bauwesen. Das Interview entstand im Frühjahr 2025 im Zuge der Materialrecherche für die IBA’27 durch Biobased Creations.</em></p>



<h4 class="wp-block-heading">Beschreibe deinen persönlichen Hintergrund bzw. Lebensweg – wie bist du in die Welt des nachhaltigen Bauens gekommen und was ist deine derzeitige Rolle bzw. Berufsbezeichnung?&nbsp;</h4>



<p><em>Markus Wolf:</em> Ich bin 1975 in Erfurt geboren und habe die ersten 15 Jahre in der DDR verbracht – in einer Mangelwirtschaft, in der nichts verschwendet und sehr viel repariert wurde. Diese Erfahrung hat mich geprägt. Nach der Wende habe ich in Thüringen Abitur gemacht, Zivildienst geleistet und eine Ausbildung zum Zimmerer abgeschlossen. Mit 23 Jahren bin ich dann nach Freiburg gezogen und habe bei der Zimmerei Grünspecht eG als Junggeselle angefangen – einem Kollektivbetrieb, der sich seit seiner Gründung 1984 dem ökologischen Holzbau verschrieben hat. Das hat mich sofort abgeholt.</p>



<p>Nach zwei Jahren in der Produktion habe ich die Meisterschule besucht, bin zurückgekehrt und habe viele Bereiche durchlaufen: acht Jahre Neubauleitung, zehn Jahre Altbaumodernisierung, Beratung, Verkauf. Seit 2005 bin ich gewähltes Vorstandsmitglied.</p>



<p>2018 stand ich an einem Wendepunkt: »Mach ich das jetzt bis zur Rente – oder kommt da noch was?« Im gleichen Jahr lernte ich eine Baugruppe kennen, die acht Wohneinheiten in strohgedämmter Bauweise im Umland von Freiburg realisieren wollte.</p>



<p>Ich habe mich informiert, Planungsworkshops besucht, Exkursionen gemacht und dahintergeklemmt.</p>



<p>So kam ich auch mit Benedikt Kaesberg von der Baustroh GmbH in Kontakt. Er trat damals eine EU-geförderte Stelle an, um den Strohbau bekannter zu machen. Zu einem Fachgespräch in München zum Bauvorhaben des Klosters Plankstetten fuhr ich gemeinsam mit Peter Henkel und wir lernten Benedikt kennen – darüber kam alles in Gang – seitdem sind wir Weggefährten.<br>Für unser erstes eigenes Strohhausprojekt hatten wir ein Jahr Entwicklungszeit. 2022 habe ich zudem die Fortbildung zur Fachkraft Lehmbau gemacht. Anfangs war vieles unklar: Wird das was? Ist es bezahlbar? Kommt ein Auftrag? Das war ein ziemlicher Alleingang, aber meine Kolleg:innen haben mich zum Glück machen lassen – sie haben mir vertraut. Als schließlich die erste Fuhre Stroh in die Halle kam, hat Peter Henkel mit uns drei Tage lang Stroh eingebaut – damit wir Freude daran haben und es richtigmachen. Er hat entscheidend dazu beigetragen, dass wir diesen Weg gegangen sind.<br>Natürlich gab es Sorgen und unternehmerisches Risiko. Aber wir hatten Glück – keine Rückschläge, nichts musste rückgebaut werden. Heute haben wir eine echte Routine. Unser erstes Strohbau-Projekt im September 2019 war eine Siedlung mit sechs Einfamilien- und einem Zweifamilienhaus. Seitdem bauen wir Neubauten fast nur noch mit Stroh. Was damals alle in der Nachbarschaft zum Staunen brachte – ein Sattelzug Stroh vor der Halle – ist heute Alltag. In sechs Jahren von der Vision zum Routineprodukt – das ist für mich und unser Team gelebte Selbstwirksamkeit.</p>



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<p class="has-text-align-right">»<strong>In sechs Jahren von der Vision zum Routineprodukt – das ist für mich und unser Team gelebte Selbstwirksamkeit.«</strong><br>Markus Wolf</p>
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<p>Für mich war es ein Glück, dass sich nach 20 Jahren im Beruf plötzlich diese Tür öffnete. Uns als Firma tut die Vorreiterrolle sehr gut und wir werden dafür geschätzt. Immer wieder kommen Menschen, die sich für das begeistern, was wir tun. Diese Anerkennung von außen – das ist für uns ein echtes Kompliment, wie ein Lebenselixier.</p>



<p>Ich habe zwei erwachsene Kinder. Wenn ich auf die heutige Marktwirtschaft und den aktuellen Umgang mit Ressourcen schaue – Klimawandel, Wegwerfgesellschaft – sehe ich vieles noch mit den Augen eines DDR-Bürgers. Meine Motivation persönlich ist: Ich will, dass wir verantwortungsvoller mit den Ressourcen unseres Planeten umgehen. Wir arbeiten stetig daran, unsere Bauweise weiter Richtung Nachhaltigkeit zu optimieren. Was mich antreibt, ist nicht das, was am Ende auf dem Konto steht, sondern das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun – etwas, das alle brauchen können.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Was ist das primäre Ziel der Zimmerei Grünspecht und was unterscheidet es von anderen Unternehmen in der Branche?</h4>



<p class="has-text-align-left"><em>Markus Wolf:</em> Unser Ziel ist es, ökologisches Bauen mit sozialem und wirtschaftlichem Verantwortungsbewusstsein zu verbinden. Wir arbeiten gemeinwohlorientiert – gegenüber Mitarbeitenden, Kund:innen, Lieferanten und unserem Umfeld. Fairness, Teilzeitmodelle, Weiterbildung und gelebte Nachhaltigkeit prägen unseren Alltag. Als Genossenschaft bieten wir allen Mitarbeitenden die Möglichkeit, Miteigentümer:innen zu werden und Verantwortung zu übernehmen.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Unser Ziel ist es, ökologisches Bauen mit sozialem und wirtschaftlichem Verantwortungsbewusstsein zu verbinden.«</strong><br>Markus Wolf</p>



<p>Seit der Gründung 1984 baut die Zimmerei Grünspecht fast ohne Styropor, PE- und Alu-Folien oder andere fossile Baustoffe. Ausgangspunkt der Gründungsidee war der Holzschutzmittelskandal, der in Städten wie Freiburg eine Ökobewegung ins Leben rief: Landschaftsgartenbau, Biobauernhöfe, Bioläden, sowie Handwerksbetriebe und Holzbauer – manche wollten andere Wege gehen. Seit 2019 bauen wir Strohhäuser, inzwischen unser Standard im Neubau. Wer sich für ein Haus bei uns interessiert, lässt sich beraten, besucht Projekte – und sagt dann meist: »Das will ich auch.«</p>



<p>Unsere Nische: die strohgedämmte Vorfertigung. Kombiniert mit unserer demokratischen Unternehmensform unterscheidet uns das klar von vielen anderen Zimmereien oder Holzbauunternehmen. Das spricht sich herum: Wir bekommen viele Bewerbungen, haben stets Praktikant:innen im Haus, und wurden schon öfter von der Handwerkskammer kontaktiert als Anlaufstelle für Lehrlinge, die sich bezüglich Lehrbetrieb neu orientieren möchten.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-14-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-39413" srcset="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-14-1024x768.jpg 1024w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-14-300x225.jpg 300w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-14-768x576.jpg 768w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-14-1536x1152.jpg 1536w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-14-2048x1536.jpg 2048w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-14-950x713.jpg 950w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-14-1500x1125.jpg 1500w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Bild: Bernd Schumacher Photodesign</figcaption></figure>



<p>Durch Öffentlichkeitsarbeit über Plattformen wie YouTube erreichen wir auch überregional Interessierte und können das Bewusstsein für nachhaltiges Bauen mit Stroh steigern. Mit Veranstaltungen wie Tagen der offenen Baustelle zeigen wir: Jedes Haus ist eine Botschaft. Strohbau und Lehmbau muss man erleben – sehen, fühlen, riechen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo siehst du die größten Herausforderungen, aber auch mögliche Lösungen in Bezug auf deine eigene Arbeit oder den Bereich, in dem du direkt tätig bist?</h4>



<p><em>Markus Wolf:</em> Die größte Herausforderung liegt darin, eine echte ›Bauwende‹ zu erreichen – weg von energieintensiven, fossilen und CO<sub>2</sub>&#8211; verursachenden Baustoffen, hin zu wirklich nachhaltigen Lösungen, die rückbaubar und wiederverwendbar sind. Das ist ein echter Kraftakt. Die Vielzahl an Vorschriften, Zulassungen, Prüfzeugnissen, Grenzwerten und Förderkriterien erschwert den Weg zu einfachen, sinnvollen Lösungen zusätzlich.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Die größte Herausforderung liegt darin, eine echte ›Bauwende‹ zu erreichen – weg von energieintensiven, fossilen Baustoffen hin zu wirklich nachhaltigen Lösungen, die rückbaubar und wiederverwendbar sind.</strong>«<br>Markus Wolf</p>



<p>Ich bin mir auch nicht sicher, ob Fördermittel und Subventionen der richtige Weg sind. Lange Zeit hat man auf eine CO<sub>2</sub>-Besteuerung gehofft, die eine echte Wende bringen würde – dass zum Beispiel Betonbauweisen durch höhere Kosten unattraktiv werden. Aber überraschenderweise geht es eben doch. In den Gremien, die Grenzwerte festlegen, sitzen oft Vertreter aus den ganzen energieintensiven Branchen. So kann selbst ein Kalksandsteinhaus mit Styropordämmung eine Förderung für nachhaltiges Bauen erhalten.</p>



<p>Das nachhaltige Bauen hat leider keine (große) Lobby, was die Situation zusätzlich erschwert. Im Holz- und Lehmbau gibt es viele kleine Betriebe und zahlreiche Verbände, die teilweise sogar etwas um Mitglieder miteinander konkurrieren. Die Branche ist stark zergliedert. Im Gegensatz dazu besteht die Beton- und Mauerwerksbranche aus ein paar großen Monopolisten, mit mehr Umsatz und mehr Geld. Wenige große Unternehmen können schneller zu Lösungen kommen. Dennoch finde ich es grundsätzlich auch nicht gut, mehr Lobbyarbeit zu fordern – generell halte ich Lobbyismus für bedenklich.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wie beurteilst du den Einsatz biobasierter Baustoffe derzeit auf dem deutschen Markt und wie können diese deiner Meinung nach im derzeitigen Bauwesen am wirkungsvollsten integriert werden?</h4>



<p><em>Markus Wolf: </em>Der Einsatz biobasierter Baustoffe hat in den letzten Jahren definitiv an Bedeutung gewonnen, und es gibt zahlreiche Anwendungsbereiche und innovative Materialien und Ideen. Die Frage bleibt jedoch, wie man diese Materialien so attraktiv und bezahlbar macht, dass es kaum einen Weg daran vorbei gibt.</p>



<p>Wenn man auf die Entwicklung seit 1984 zurückblickt, hat sich bereits viel getan. Es gibt mittlerweile viele nachwachsende Rohstoffe auf dem Markt, die, auch wenn sie noch nicht perfekt sind – etwa aufgrund synthetischer Stützfasern – immerhin besser sind als herkömmliche Baustoffe wie Glaswolle. Der deutsche Markt bietet hier schon einiges, wenn man es denn möchte.</p>



<p>Ein wichtiger Schritt wäre, dass von staatlicher Seite mehr getan wird, um den Einsatz biobasierter Baustoffe zu erleichtern – zum Beispiel durch mehr öffentlich finanzierte Brandtests. Denn genau das ist oft eine riesige Hürde: solche Prüfungen kosten viel Zeit und Geld. Wenn das von höherer Stelle wirklich gewollt wäre und nicht alles an den einzelnen Firmen hängen bliebe, dann wäre das für die ganze Branche hilfreich. Man weiß ja, dass vieles funktioniert – man muss nicht zwangsläufig fossil bauen.</p>



<p>Da hilft zur Orientierung auch der Blick über die Grenzen in andere Länder, wo man uns mehr und mehr überholt.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wo siehst du Möglichkeiten, zirkuläre Methoden wie Modularität, Rückbaubarkeit, Wiederverwendung und Recycling mit dem Übergang zu naturbasierten Produkten oder Anwendungen zu kombinieren?</h4>



<p><em>Markus Wolf: </em>Zirkuläre Methoden lassen sich mit biobasierten Baustoffen ziemlich gut verbinden. Sind sie wirklich frei von Zusätzen und kompostierbar, es fehlt nur noch am Fokus und der Motivation die Details und Konstruktionen auf ihre spätere Rückbaubarkeit hin zu optimieren.</p>



<p>Derzeit ist das Thema Rückbau in der Praxis noch nicht sehr präsent. Viele Auftraggeber: innen denken, ihr Haus steht ewig – was ja auch erst einmal die richtige Perspektive ist, wenn man baut. Es gibt aber bereits Initiativen von Universitäten und Holzbaubetrieben, die einen genaueren Blick auf zirkuläre Bauweisen werfen – auch wenn das noch am Anfang steht.</p>



<p>Unsere Elemente werden geschraubt, teilweise geklammert – theoretisch also rückbaubar, aber das müsste man noch weiterverfolgen und untersuchen. Wir haben das sogar mal ausprobiert: Auf YouTube gibt es ein Video von uns, in dem wir eine Musterwand wieder auseinandernehmen. Das hat tatsächlich gut funktioniert. Das einzige was wir noch nicht getestet haben, ist den Kalkputz vom Stroh runterzubekommen, das ist etwas aufwändiger – im Kalkputz sind auch ein paar Prozent Zement drin, also nicht 100 Prozent ökologisch.</p>



<p>Im Alltag arbeiten wir generell möglichst ohne Abfall: Was vom Stroh übrigbleibt, geht zum Pferdebauer. Lehmreste von der Baustelle werden einfach wieder angerührt und an der nächsten Wand im Unterputz weiterverwendet.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-18-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-39409" srcset="https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-18-1024x768.jpg 1024w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-18-300x225.jpg 300w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-18-768x576.jpg 768w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-18-1536x1152.jpg 1536w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-18-2048x1536.jpg 2048w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-18-950x713.jpg 950w, https://knowledge.iba27.de/wp-content/uploads/2025/06/Zimmerei-Gruenspecht_Strohbau_Bernd-Schumacher-Photodesign-18-1500x1125.jpg 1500w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Bild: Bernd Schumacher Photodesign</figcaption></figure>



<h4 class="wp-block-heading">Welche Strategie oder welche spezifischen Lösungen siehst du als entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung der Region Baden-Württemberg oder allgemein in Deutschland an?</h4>



<p><em>Markus Wolf:</em> In unserer Nische des Stroh- und Lehmbaus wird oft gesagt, dass eine ehrliche CO₂-Bepreisung nachwachsenden Baustoffen den nötigen Rückenwind geben würde. Nachhaltige Entwicklung bedeutet für uns: regional, handwerklich und sinnstiftend bauen. Das stärkt die Region und schafft stabile Strukturen – im Gegensatz zu globalen Lieferketten, die wie z. B. in der Autoindustrie immer wieder sichtbar, schnell ins Wanken geraten können.</p>



<p>Der Fachkräftemangel wird im Handwerk häufig thematisiert – mit der Forderung, mehr zu automatisieren. Das trifft sicherlich oft zu, doch bei uns zeigt sich: Wer etwas Sinnstiftendes macht, mit zukunftsfähigen Materialien arbeitet und gemeinwohlorientiert handelt, zieht Menschen an. Wir erhalten regelmäßig Bewerbungen von motivierten Leuten – oft mehr, als wir brauchen. Unsere Strategie: Arbeitsplätze menschenwürdig und abwechslungsreich gestalten. Unsere 50 Mitarbeitenden schätzen genau das – es bringt Freude und Identifikation mit der Arbeit, die sie leisten.</p>



<p>Ein weiterer Hebel ist die Stärkung regionaler Kreisläufe. Das familiäre Miteinander mit regionalen Firmen – vom Fliesenleger, über den Schlosser bis zum Landwirt – macht die Zusammenarbeit nicht nur nachhaltiger, sondern auch persönlicher und zukunftsfähig. Zu Beginn war die Verbindung zur Landwirtschaft noch ungewöhnlich, heute ist sie Routine – und eine Zusammenarbeit, die wir gerne weiter ausbauen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Call for action: Was ist dein Wunsch, was sollten die Akteur:innen im Bauwesen HEUTE tun, um ihre Projekte mit natürlichen und kreislauffähigen Baustoffen zu realisieren?</h4>



<p><em>Markus Wolf:</em> Um mit natürlichen, kreislauffähigen Materialien zu bauen, braucht es dringend baurechtliche Vereinfachungen – besonders für nachwachsende, oft brennbare Materialien wie Stroh. Gleichzeitig sollten Förderprogramme gezielt Bauherr:innen, Kommunen und Investoren motivieren, diesen Weg zu gehen.</p>



<p>Ein inspirierendes Beispiel ist Florian Nagler mit seinem Ansatz des <em>einfachen Bauens</em>. Seine Musterhäuser zeigen, wie man mit reduzierten Mitteln klug, ressourcenschonend und nachhaltig bauen kann. Die Diskussion um eine neue Gebäudeklasse E, in der ein vereinfachter Standard festgelegt wird, geht in die richtige Richtung. Das Bauwesen ist massiv überreguliert. Werner Sobek spricht von rund 20.000 Bauvorschriften, von denen nach seiner Analyse nur etwa 4.000 notwendig wären. Diese Überregulierung bremst Low-Tech-Ansätze aus – also genau das, was wir für Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft brauchen.</p>



<p>Mein Appell: Wenn sich alle Beteiligten – Fachplaner: innen, Handwerk, Behörden und Bauherr: innen – einig sind, dass auch einfachere Lösungen ausreichend sind, dann muss das baurechtlich auch möglich sein. Wir brauchen weniger Verwaltung und mehr Mut und Vertrauen, um das Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen wirklich voranzubringen.</p>



<p class="has-text-align-right">»<strong>Wir brauchen weniger Verwaltung und mehr Mut und Vertrauen, um das Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen wirklich voranzubringen.</strong>«<br>Markus Wolf</p>



<p class="has-text-align-left"><a href="https://knowledge.iba27.de/materialdatenbank-artikel/modulares-holzrahmenbau-system/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Mehr über das Modulares Holzrahmenbau-System mit vorgefertigten strohgedämmten Wandelementen der Zimmerei Grünspecht. </a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://knowledge.iba27.de/markus_wolf/">Im Gespräch: Markus Wolf über Strohbau und Selbstwirksamkeit</a> erschien zuerst auf <a href="https://knowledge.iba27.de">IBA’27 Wissensdatenbank</a>.</p>
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