Jahrelang quälte Mini seine treuesten Anhänger mit einem schmerzhaften Sortimentsdilemma. Der ikonische Mini Cooper Dreitürer, ein Meister der Fahrfreude, schluckte im Kofferraum kaum mehr als eine handelsübliche Kiste Mineralwasser. Gleichzeitig wuchs der Countryman im Modelljahr 2024 zu einem 4,43 Meter langen Riesen heran, der mit seiner BMW X1-Verwandtschaft kaum noch den Namen „Mini“ verdiente. Zwischen diesen Extremen klaffte eine beträchtliche Lücke.
Genau in dieses Vakuum stößt der neue Mini Aceman (interner Code J05). Mit 4,07 Metern Länge tritt er ausschließlich elektrisch an und soll den alten Fünftürer sowie den extravaganten Clubman ersetzen. Er positioniert sich als kompromissloser City-Crossover für den urbanen Raum. Doch der Wettbewerb im Segment der kompakten Elektro-Crossover schläft nicht: Der Volvo EX30 beeindruckt mit brachialer Längsdynamik, der Jeep Avenger punktet mit rustikalem Charme und der Smart #1 entpuppt sich als überraschendes Raumwunder. Ist der Aceman mit seiner deutsch-chinesischen Architektur nur ein teures Mode-Accessoire oder ein ernstzunehmender Kurvenräuber? Wir fuhren den Aceman SE ausführlich auf Herz und Nieren.
Design und erster Eindruck: Charakter mit Kante
Der Aceman wagt optisch einiges und überträgt die neue Designsprache „Charismatic Simplicity“ auf ein robusteres Format. Die massiven, unlackierten und eckigen Kunststoffbeplankungen an den Radhäusern verleihen ihm eine deutlich kräftigere Anmutung als dem Cooper. Das schützt nicht nur vor teuren Parkremplern, sondern polarisiert auch visuell. Ein echter Hingucker sind die Matrix-LED-Rückleuchten, die einen charmanten „Party-Trick“ beherrschen: Fahrer können im Menü selbst wählen, ob das Auto klassisch, mit Pfeilen oder als stilisiertem Union Jack blinkt. Ein Detail, das Minis Spieltrieb offenbart.
Mit vollständig ausgeklappten Außenspiegeln misst der kleine Crossover kompakte 1.992 Millimeter. Auf deutschen Autobahnen sorgt diese Breite für entspannte Momente: Baustellen auf der linken Spur, oft auf 2.100 Millimeter begrenzt, lassen sich mit dem Aceman souverän und stressfrei befahren. Ein kleiner, aber feiner Vorteil für Vielfahrer.
Innenraum und Bedienkonzept: OLED-Show trifft Haptik-Dilemma
Wir öffnen die Türen und blicken in einen radikal aufgeräumten Innenraum. Mini hat den klassischen Tacho hinter dem Sportlenkrad, das griffig in der Hand liegt, komplett eliminiert. Stattdessen bündelt sich die gesamte Information auf einem gigantischen, kreisrunden OLED-Display mit 240 mm Durchmesser in der Mitte des Armaturenbretts – intern liebevoll „OLED-Pizza“ genannt. Die Auflösung begeistert, das „Mini Operating System 9“ reagiert blitzschnell und intuitiv. Ein Fest für die Augen und die Bedienfreude.
Das große Manko in dieser digitalen Landschaft: Die komplette Klimasteuerung ist zwingend über diesen Touchscreen zu bedienen. Echte Drehregler für die Temperatur fehlen schmerzlich und erfordern während der Fahrt unnötig viel Blickkontakt mit dem Bildschirm. Eine haptische Rettung finden wir jedoch direkt unter dem Screen: die legendäre „Toggle Bar“ (Kippschalter-Leiste). Hier wählen wir mechanisch den Gang, starten den Motor per Dreh-Schlüssel-Geste und wechseln die Experience Modes. Dieses Stück Heritage ist ein Segen im Zeitalter der überladenen Touchscreens.
Das Armaturenbrett selbst ist nicht mit Leder bezogen, sondern mit einem modernen, recycelten Strickgewebe bespannt. Bei Nacht scheinen durch dieses Gewebe stimmungsvolle Ambiente-Lichtmuster, die dem Innenraum eine unverwechselbare Atmosphäre verleihen.
Das Head-up-Display: Eine enttäuschende Projektion
Wer den zentralen Tacho ablehnt und eine Geschwindigkeitsanzeige im Sichtfeld wünscht, muss das Head-up-Display bestellen. Doch hier enttäuscht Mini: Statt einer vollwertigen Projektion in die Frontscheibe gibt es lediglich eine ausfahrbare Plexiglasscheibe (Combiner-HUD). Diese Lösung wirkt weniger hochwertig und vibriert auf schlechten Straßen mitunter störend im Sichtfeld, was den Premiumanspruch des Aceman untergräbt.
Raumangebot und Praktikabilität
Dank der reinen EV-Plattform fällt das Raumangebot für ein 4,07 Meter langes Auto exzellent aus. Vier Erwachsene finden ausreichend Platz. Der Kofferraum schluckt stadtgerechte 300 Liter – genug für den Wocheneinkauf oder ein Wochenende zu zweit. Wer Allrad (ALL4) sucht, wird beim Aceman nicht fündig; diese Option bleibt dem größeren Countryman vorbehalten.
Fahrdynamik: Das Go-Kart-Gefühl – aber nicht ohne Kompromisse
Ich fuhr den Aceman SE, die leistungsstärkere Version. Der Elektromotor treibt die Vorderräder mit 218 PS (160 kW) und 330 Nm Drehmoment an. Mini verspricht das legendäre Go-Kart-Gefühl – und auf der Landstraße liefert er dieses Versprechen kompromisslos ein. Ein entscheidender Grund dafür ist die teure Mehrlenker-Hinterachse, die in dieser Fahrzeugklasse oft durch einfachere Torsionsbalken ersetzt wird. Die Lenkung ist extrem spitz und direkt übersetzt, der Aceman wieselt mit beeindruckender Agilität um Kurven. Der tiefe Schwerpunkt dank der im Boden verbauten Batterie minimiert jegliches Wanken der Karosserie. In 7,1 Sekunden peitscht er aus dem Stand auf 100 km/h.
Das Fahrwerk ist spürbar straff abgestimmt. Wer sanften Federungskomfort sucht, wird auf schlechten Straßen oder bei Querfugen teils unsanft durchgeschüttelt. Das Go-Kart-Gefühl hat hier seinen Preis. Als Gimmick im „Go-Kart-Mode“ färbt sich das Display blutrot, und ein künstlich generiertes, bassiges Elektro-Surren untermalt die Beschleunigung – ein Sound, der jedoch Geschmackssache ist.
Auf der Autobahn: Akustik und Reichweite
Im städtischen Alltag glänzt der Aceman SE mit einem effizienten Testverbrauch von etwa 13,5 kWh/100 km. Realistische Reichweiten um 330 Kilometer sind damit problemlos erreichbar. Auf der Autobahn, insbesondere bei Richtgeschwindigkeit von 130 km/h, steigt der Verbrauch jedoch erwartungsgemäß an und kann Werte um 19,0 kWh erreichen.
Der akustische Komfort auf der Autobahn ist Mini-typisch nicht auf dem Niveau einer Oberklasselimousine. Ab etwa 130 km/h werden Windgeräusche und vor allem Abrollgeräusche der Reifen, besonders an den Radhäusern, deutlich wahrnehmbar. Für längere Fahrten mit hohem Tempo kann dies ermüdend wirken. Wer hier absolute Ruhe erwartet, muss zu größeren und teureren Fahrzeugen greifen.
Ladeleistung: Die Achillesferse auf großer Fahrt
Und dann müssen Sie laden. Hier offenbart der Aceman sein größtes Defizit: Am Schnelllader (DC) erreicht er eine maximale Peakleistung von mageren 95 kW! Im Jahr 2026 ist dieser Wert für ein fast 50.000 Euro teures Neufahrzeug schlichtweg nicht mehr konkurrenzfähig. Eine Ladung von 10 auf 80 Prozent dauert knapp 30 Minuten. Ein Volvo EX30 pulverisiert ihn an der Ionity-Säule mühelos und lädt deutlich schneller. Für Pendler mit eigener Wallbox ist dieses Manko irrelevant, für den Roadtrip nach Italien erfordert es jedoch eine beträchtliche Portion Geduld und sorgfältige Routenplanung.
Kosten und Unterhalt in Deutschland: Ein TCO-Traum?
Kfz-Steuer und Versicherungsklassen
Der Mini Aceman ist als reines Batterie-Elektroauto (BEV) in Deutschland bis mindestens 2030 von der Kfz-Steuer befreit. Das spart jährliche Fixkosten.
Die Versicherungseinstufungen (Typklassen) variieren je nach Motorisierung und Ausstattung, liegen aber für den Aceman SE in einem erwartbaren Bereich für ein Fahrzeug dieser Leistung und Klasse:
- Haftpflicht (HP): ca. 17-19
- Teilkasko (TK): ca. 20-22
- Vollkasko (VK): ca. 21-24
Diese Werte sind als Richtlinie zu verstehen und können je nach Versicherer, Wohnort und persönlichen Konditionen abweichen.
Der 0,25%-Dienstwagen-Bonus
In der Total Cost of Ownership (TCO) erweist sich dieser urbane Crossover als absoluter Traum für Flottenmanager und Dienstwagenfahrer. Da es sich um ein reines Batterie-Elektroauto (BEV) handelt und der Bruttolistenpreis selbst mit Vollausstattung und JCW-Trim deutlich unter der Kappungsgrenze von 70.000 Euro bleibt, versteuern Dienstwagenfahrer diesen Mini mit dem äußerst attraktiven Satz von nur 0,25 Prozent des Bruttolistenpreises. Ein nicht zu unterschätzender finanzieller Vorteil, der den Aceman im Leasing äußerst attraktiv macht.
Die Herkunft: Made in China, entwickelt in München
Lassen Sie sich nicht von der britischen Flagge in den Rückleuchten täuschen. Die Architektur (Spotlight EV) des Aceman entstand aus einem Joint Venture zwischen der BMW Group und Great Wall Motors. Die ersten Modelljahre rollen komplett aus dem chinesischen Werk in Zhangjiagang. Erst später, im Jahr 2026, soll die parallele Fertigung im Mini-Stammwerk Oxford beginnen. Die Verarbeitungsqualität des „China-Minis“ zeigt sich jedoch makellos. Wir fanden keine Hinweise auf minderwertige Materialien oder schlechte Spaltmaße. Dies bestätigt einmal mehr, dass „Made in China“ längst kein Qualitätsmangel mehr sein muss, insbesondere wenn deutsche Ingenieurskunst die Entwicklung leitet.
Standard-Sicherheitssysteme: Euro NCAP im Blick
Der Aceman integriert serienmäßig wichtige Assistenzsysteme, die für eine gute Euro NCAP-Bewertung unerlässlich sind. Dazu gehören unter anderem ein aktiver Spurhalteassistent (Lane Assist) und ein Notbremsassistent (AEB – Autonomous Emergency Braking), der sowohl auf Fahrzeuge als auch auf Fußgänger und Radfahrer reagiert. Im Vergleich zu älteren Modellen oder kleineren Fahrzeugen der Marke sind diese Systeme im Aceman umfassend und auf dem aktuellen Stand der Technik, was die Sicherheit im Stadtverkehr und auf der Landstraße spürbar erhöht. Die vollständigen Euro NCAP-Ergebnisse stehen zum Zeitpunkt unserer Veröffentlichung noch aus, doch Minis bisherige Leistungen lassen eine gute Bewertung erwarten.
Stimmen aus der Praxis: Was Besitzer wirklich berichten
Auf deutschen Online-Plattformen wie Motor-Talk.de und in Kommentaren bei Auto Bild finden sich bereits erste Reaktionen und Einschätzungen potenzieller Käufer und erster Testfahrer, die ein differenziertes Bild zeichnen:
- Positiv hervorgehoben wird oft: Die äußerst agile und direkte Lenkung, die das Go-Kart-Gefühl tatsächlich erlebbar macht. Viele loben das einzigartige Interieur-Design mit dem OLED-Screen und den gestrickten Stoffen als „frisch und mutig“. Auch die physische Toggle Bar findet als „letzter Anker der Haptik“ viel Zuspruch. Das Design des Exterieurs wird als „charakterstark“ und „nicht langweilig“ empfunden.
- Kritikpunkte der Fahrer sind häufig: Die ausgeprägte Härte des Fahrwerks, die auf schlechten Straßen und bei Querfugen als „unharmonisch“ oder „zu unkomfortabel“ beschrieben wird. Einzelne Stimmen berichten von leichten „Sverchern“ (Knistergeräuschen) im Armaturenbrett auf Kopfsteinpflaster, was auf die sehr straffe Federung zurückzuführen sein könnte. Die vollständige Integration der Klimabedienung in den Touchscreen wird als „ärgerlich und ablenkend“ empurteilt. Auch die schwache DC-Ladeleistung ist ein wiederkehrendes Thema, das besonders bei längeren Fahrten für „Frust“ sorgt.
Wettbewerbsumfeld: Kampf der urbanen Elektriker
Feature | Mini Aceman SE (2026) | Volvo EX30 (Single Motor) | Smart #1 (Premium) |
Antrieb | Frontantrieb (218 PS) | Heckantrieb (272 PS) | Heckantrieb (272 PS) |
Fahrwerk | Agil / Straff / Kart | Hart / Hoher Reifenverschleiß | Sehr komfortabel / Weich |
DC-Laden | 95 kW (Sehr schwach) | 153 kW (Deutlich schneller) | 150 kW |
Ergonomie | OLED + Physische Toggles | Touch-Hölle (Kein Tacho) | 12,8-Zoll Screen / Solide |
Preis (Testwagen) | ca. 46.500 € | ca. 42.000 € (Ultra) | ca. 42.500 € |
Im direkten Vergleich mit seinen elektrischen Premium-City-Crossover-Konkurrenten fällt die Einordnung des Aceman klar aus. Der Smart #1 wirkt rational betrachtet als das erwachsenere, wesentlich komfortablere und auf der Rückbank geräumigere Auto. Er lädt schneller, fährt sich aber weniger dynamisch, fast schon wie ein kleiner Van. Der Volvo EX30 ist mit 272 PS längsdynamisch ein absolutes Ampelmonster, zwingt Fahrer jedoch in ein desaströses Ergonomie-Konzept, bei dem selbst die Außenspiegel über den Touchscreen verstellt werden müssen.
Der Mini Aceman gewinnt dieses Duell als kompromissloser Querdynamiker: Er lenkt schärfer ein, bietet den hochwertigsten, stilvollsten Innenraum und den charismatischsten Auftritt im Stadtverkehr. Er ist das Auto mit der meisten Seele in diesem Segment.
Fazit: Für wen der Aceman die richtige Wahl ist – und für wen nicht
Der Mini Aceman (2026) verkörpert zweifellos den ehrlichsten und fahrdynamisch fokussiertesten Mini im aktuell stark zerklüfteten Produktportfolio der Marke. Er ist nicht so absurd riesig mutiert wie der aktuelle Countryman und im Alltag deutlich praktischer als der dreitürige Cooper.
Für wen empfehle ich dieses Fahrzeug? Er ist das nahezu perfekte Lifestyle-Gadget für den urbanen Single oder das kinderlose Paar in der Großstadt. Er reißt Sie auf kurvigen Landstraßen emotional mit, und das Interieur aus Textil und OLED-Screen ist ein automobiles Kunstwerk, das man jeden Morgen gerne betrachtet. Wer täglich pendelt und zu Hause oder am Arbeitsplatz eine Wallbox hat, wird seine Schwäche beim Schnellladen kaum bemerken und die niedrigen Unterhaltskosten schätzen.
Wem rate ich jedoch strikt vom Aceman ab? Langstrecken-Vielfahrer, die wöchentlich Hunderte von Autobahnkilometern zurücklegen, sollten die Finger vom Aceman lassen. Die spärliche Ladeleistung von 95 kW an der Schnellladesäule fordert zu viel Geduld und macht längere Reisen unnötig mühsam. Für solche Profile empfiehlt sich eher ein Tesla Model 3 oder ein anderes E-Auto mit höherer Ladeleistung.
Mein Rat an Sie: Wenn Sie ein Auto mit Seele und querdynamischem Talent für die Stadt suchen, das sich von der Masse abhebt: Kaufen Sie den Aceman! Sparen Sie sich die „E“-Basis und nehmen Sie direkt den leistungsstärkeren Aceman SE. Die 218 PS des SE reichen für den Frontantrieb völlig aus, und der JCW-Trim liefert ohnehin nur sportliche Optik. Parken Sie ihn entspannt an der heimischen Wallbox und genießen Sie jeden Kurveneingang. Er ist ein Statement, das Spaß macht.
Galerie
Dieses Fahrzeug wurde nach unserer standardisierten HH-AUTO Testmethodik auf der Straße getestet.
Faktengeprüft und freigegeben von: Das HH-AUTO Redaktionsteam






































