Zum Wochenende: Magazin versus Nachrichten

  Ralf Hersel   Lesezeit: 4 Minuten  🗪 4 Kommentare Auf Mastodon ansehen

GNU/Linux.ch ist ein Magazin-Format und kein Nachrichten-Kanal. Da bei uns von der Community für die Community geschrieben und gesprochen wird, sind journalistische Standards nicht das Mass der Dinge.

zum wochenende: magazin versus nachrichten

Wie fast alle wissen, hat GNU/Linux.ch im Mai 2020 die Nachfolge von Prolinux.de angetreten; das war zumindest die Idee. Dort wurde mehr als 20 Jahre lang mit 29621 Artikeln über die Neuigkeiten aus der Linux-Welt berichtet. Bei Prolinux gab es (neben anderen Kategorien) die Bereiche Nachrichten und Magazin. Doch was ist der Unterschied zwischen einer Nachricht und einem Magazin-Beitrag?

Nachrichten‑Beiträge liefern rasche, faktische Updates zu aktuellen Ereignissen, während Magazin‑Artikel tiefergehende, oft erzählerische und kontextualisierte Darstellungen eines Themas bieten.

Am Anfang ging es bei GNU/Linux.ch eher um Nachrichten. Im Juli 2023 haben wir uns entschieden, im Rahmen der Zusammenarbeit in der Community, die Nachrichten Linuxnews.de zu überlassen und uns mehr auf das Magazin-Format zu fokussieren. Zu diesem Zweck haben die beiden Webseiten ihre Inhalte gegenseitig eingebunden. Die aktuellen Linux-News findet ihr bei uns im Seiten-Panel, genauso, wie ihr die letzten Artikel von GNU/Linux.ch bei Linuxnews.de im Seiten-Panel erreichen könnt.

Das hat sich bewährt und bietet für alle Leser:innen einen Mehrwert. Auch bei anderen Webauftritten, die Freie Software als Thema haben, bevorzugen wir immer die Zusammenarbeit, statt die Abgrenzung. Demzufolge haben wir vor zwei Jahren die Seite Fosswelt.org ins Leben gerufen:

FOSSWELT ist ein Zusammenschluss von verschiedenen deutschsprachigen Plattformen und Projekten aus dem Bereich Freie Software. Gegründet von GNU/Linux.ch und LinuxNews.de, wollen wir gemeinsam die zerstreute Gemeinschaft der FOSSWELT vereinen und Personen und Projekte besser miteinander vernetzen.

Zugegeben, die Seite ist ein wenig verwaist, was an der Ressourcenknappheit und dem fehlenden Engagement der Beteiligten liegt. Wir werden in diesem Jahr darüber sprechen, was aus der Idee FOSSWELT werden soll.

Doch lasst mich zum Titel-Thema zurückkommen: Magazin versus Nachrichten. Wer News schreibt, ist (hoffentlich) journalistischen Standards verpflichtet. Dazu gehört eine entsprechende Ausbildung. Nachrichten sollten folgenden Grundsätzen folgen:

  1. Ziel: Schnell informieren über aktuelle Ereignisse, Fakten präsentieren
  2. Umfang: Kurz und prägnant (oft nur ein bis drei Absätze)
  3. Stil: Objektiv, sachlich, neutral; Fokus auf „Wer? Was? Wann? Wo? Warum?“
  4. Zeitpunkt: Sofortige Veröffentlichung nach dem Ereignis (tagesaktuell)
  5. Struktur: Klare, standardisierte Gliederung (Lead, Fakten, Zitate)
  6. Quellen: Primär auf offizielle Quellen, Pressespiegel, Live‑Berichte

Bei Magazin-Inhalten sieht das anders aus:

  1. Ziel: Vertiefte Analyse, Hintergrund, Meinungen oder Unterhaltung zu einem Thema
  2. Umfang: Länger, oft mehrere Seiten, mit ausführlichen Erklärungen und Beispielen
  3. Stil: Persönlicher Ton, kann subjektiv sein; nutzt Storytelling, Interviews, Kommentare
  4. Zeitpunkt: Veröffentlichung kann verzögert sein; Themen werden oft erst recherchiert und aufbereitet
  5. Struktur: Freiere Struktur (Einleitung, Hintergründe, Analysen, Schlussgedanken)
  6. Quellen: Kombination aus offiziellen Quellen, Experteninterviews, eigenen Recherchen und manchmal eigenen Erfahrungen

Wenn ihr die Artikel bei GNU/Linux.ch lest, handelt es sich dabei ganz klar um Magazin-Inhalte. Da wir ein Community-Projekt sind, ist etwas anderes auch gar nicht möglich. Bei uns schreibt und spricht die Community für die Community. Im Jahr 2025 haben wir 508 Artikel von 61 verschiedenen Autor:innen publiziert. Bei diesem Umfang ist es unmöglich, auf journalistische Standards zu pochen, bzw. diese zu prüfen. Und das ist auch nicht unser Ziel. Wir möchten die breite Beteiligung der Community fördern. Das war von Anfang an die Idee von GNU/Linux.ch.

Bei dieser Art der Berichterstattung treten häufig Fehler auf. Oder es gibt Texte und Formulierungen, die manchen Lesern und Hörerinnen nicht gefallen. Dazu ein aktuelles Beispiel aus den Kommentaren zu diesem Artikel:

Der neue Split-View in Firefox ist tatsächlich eine sehr nützliche Funktion. Danke für die Infos rund um die Aktivierung, wollte schon selbst recherchieren, und ihr liefert sie mir bereits vorab.

Beim Lesen des Artikels ist mir allerdings aufgefallen, dass die starke Polemik und die vielen ideologischen und historischen Abschweifungen mir leider etwas den Spaß am eigentlichen Thema genommen haben. Für mich hätte der Text deutlich gewonnen, wenn er sich stärker auf die konkrete Funktion und ihren praktischen Nutzen konzentriert hätte, statt so viel Raum für persönliche Wertungen, Browser-Grundsatzdebatten und Seitenhiebe zu verwenden. Die Information selbst ist gut und relevant, die Verpackung wirkt für meinen Geschmack unnötig aufgeladen.

Dieser Kommentar ist ganz nach meinem Geschmack. Hier wird Lob mit Kritik kombiniert; Herz, was will der Autor mehr? Natürlich hätte ich im Artikel nur die neue Funktion erwähnen, eine kurze Anleitung zur Bedienung schreiben und auf die Release Notes verweisen können. Aber dann wäre es eine Nachricht, und kein Magazin-Beitrag geworden. Für mich wäre das langweilig gewesen und ich hätte den Artikel gar nicht erst geschrieben.

Ein weiterer Aspekt der "unjournalistischen" Magazin-Artikel ist die Heilkraft und Mitwirkung der Community. Ihr glaubt gar nicht, wie oft Artikel aufgrund von Anmerkungen in den Kommentaren oder auf Social Media bei uns umgeschrieben oder korrigiert werden. Unsere Autoren sind Leute wie Du und Ich. Sie schreiben aus Interesse an der Sache und nicht, weil sie die Weisheit gefressen haben. Ein Artikel aus der Community ist die Aufforderung zum Dialog, und keine in Beton gegossene Feststellung. Wir lernen alle voneinander.

Titelbild: https://pixabay.com/photos/magazines-kiosk-press-609359/

Quelle: keine, bzw. im Text

Tags

Nachrichten, Magazin, Inhalte

Fabian Schaar
Geschrieben von Fabian Schaar am 9. Januar 2026 um 20:37

Lieber Ralf,

danke für deinen Artikel. Den Fokus auf Magazin-artige Inhalte bei GNU/Linux.ch finde ich (weiterhin) passend. Die Artikel, die hier erscheinen, zeigen jeden Tag, dass dieses Konzept funktioniert. Und du hast Recht: Das passt auch gut zum Grundgedanken von GNU/Linux.ch. Das liegt meiner Meinung nach aber nicht daran, dass man bei Magazin-Inhalten weniger auf journalistische Standards achten müsste. Ich finde, es liegt viel mehr daran, dass sich Themen für Artikel bei einem Magazin schon aus der täglichen Erfahrung mit GNU/Linux auf Desktop und Server ergeben. Im Gegensatz zu reinen Nachrichten-Seiten müssen Autor:innen nicht den ganzen Tag Primärquellen auf Neuigkeiten scannen, um Stoff für ihre Artikel zu bekommen - und das ist vermutlich zugänglicher.

Mich stört aber sehr, dass du in deinem Artikel Magazin-Inhalte als Gegenbild zu journalistischen Standards beschreibst. Das fängt schon beim Wording an: Nur weil der Spiegel ein Nachrichten-Magazin ist, heißt das nicht, dass er weniger auf journalistische Standards schauen würde. Und nur weil GNU/Linux.ch nicht nur die harten Nachrichten bringt, befreit das auch nicht von einer gewissen Sorgfaltspflicht - einem journalistischen Qualitätskriterium.

Magazin-Inhalte beschreibst du als länger, hintergründiger und mit einem breiteren Quellen-Satz. Gerade, wenn Artikel eine tiefere Analyse liefern sollen, ist sorgfältiges journalistisches Arbeiten aber umso wichtiger. So wird zum Beispiel im https://www.presserat.de/pressekodex.html?file=files/presserat/dokumente/pressekodex/Presse-kodex_Leitsaetze_RL12.1.pdf beschrieben, dass Journalist:innen unter anderem sorgfältig arbeiten sollten, ihre Quellen schützen, die Persönlichkeitsrechte anderer achten und Korrekturen transparent machen sollten. All das sind Kriterien, an denen sich meiner Meinung nach auch GNU/Linux.ch orientieren könnte oder sogar sollte. Allein schon durch die große Reichweite, die GNU/Linux.ch hat, ist das doch irgendwie auch Ehrensache gegenüber den Leser:innen und den Projekten, über die hier geschrieben wird.

Mag sein, dass man nicht von allen Autor:innen hier bei GNU/Linux.ch voraussetzen kann und sollte, dass sie diese Kriterien aus dem Kopf kennen und befolgen. Ein konsequentes Vier-Augen-Prinzip kann aber nicht schaden. Und das Core-Team könnte auch einen Blick darauf haben, dass grundlegende Regeln im Sinne des Pressekodex eingehalten werden. Mir ist ein gut redigierter Artikel am Tag lieber als zwei Artikel, an denen sich noch zehn Kleinigkeiten ändern - nachdem Fachleute auf Mastodon darauf hinweisen.

Solche externen Hinweise sind auch nicht selbstverständlich - es sei denn, man fragt konkret bei den Expert:innen nach, mit einer Presse- bzw. Medienanfrage. Wenn trotzdem Fehler passieren, ist das so. Ich habe aber ein wesentlich besseres Gefühl, wenn Änderungen transparent gemacht werden (wie zum Beispiel hier: https://gnulinux.ch/aktueller-stand-mate=), als wenn ich als Leser zufällig auf eine Änderung stoße nach dem Motto: "Ihr glaubt gar nicht, wie viel sich hier ändert."

Versteh mich bitte nicht falsch, die Inhalte auf GNU/Linux.ch haben eine hohe Qualität. Gerade weil hier gute Texte veröffentlicht werden, sehe ich aber nicht ein, warum man sich als Online-Magazin ohne Not von allen journalistischen Ansprüchen distanzieren sollte. Im Gegenteil: Journalistische Qualitätskriterien gibt es aus guten Gründen, sie dienen den Journalist:innen selbst, den Leser:innen und denen, über die geschrieben wird. Das ist eine Frage der Verantwortung, die auch GNU/Linux.ch nicht abstreifen sollte - und sei es auch aus guten Motiven, zum Beispiel, um mehr Autor:innen zu gewinnen.

Ich finde es wichtig, dass Leser:innen auf die Infos von GNU/Linux.ch vertrauen können, dass Korrekturen und Werbung / Sponsoring gekennzeichnet werden und das Quellen konsequent angegeben werden. Ein Anfang wäre doch zum Beispiel eine Quelle, wie deine Unterteilung zwischen Nachrichten und Magazin-Inhalten begründet ist. ;)

Natürlich liegt es in deiner und eurer Hand, ob ihr da als Projekt mehr drauf achten wollt. Tiefere Recherchen und höhere Qualität - die würden die Seite aber für mehr Leser:innen attraktiv machen. Und mehr Leser:innen sind potentiell auch mehr Autor:innen. Die Berufsbezeichnung "Journalist" ist in Deutschland [https://www.freierjournalist.com/blog/berufsbezeichnung-journalist/](nicht geschützt). Wer journalistisch tätig ist, darf sich Journalist nennen. Wichtig ist dann aber, dass bei journalistischen Tätigkeiten auch journalistische Standards nicht aus dem Blick geraten. Natürlich ist das eine Frage des Selbstverständnis, aber ich glaube, dass diese Seite journalistischer ist, als hier dargestellt.

Liebe Grüße, Fabian

Ralf Hersel Admin
Geschrieben von Ralf Hersel am 9. Januar 2026 um 20:53

Lieber Fabian

Vielen Dank für Deinen guten Kommentar. Da ich gerade wieder an drei Sachen gleichzeitig arbeite, kann ich nur kurz darauf antworten.

Was Du beschreibst, ist wünschenswert und liegt in unser aller Interesse. Jedoch fehlen uns die journalistische Ausbildung, die Kapazität zur Kontrolle von Artikeln, die von der Redaktion und der Community geschrieben werden, und auch der Wille zur Kontrolle. Selbstverständlich sind wir bemüht, die Artikel so hochwertig wie möglich zu schreiben. Doch das ist in unserem redaktionellen Kontext schlicht unmöglich.

Die Aufgabe, journalistische Standards zu gewährleisten, obliegt bei klassischen Medien dem Ressortleiter oder der Chefredakteurin. Diese Rolle ist bei uns nicht besetzt. Fabian, ich lade Dich gerne dazu ein, diese Rolle zu übernehmen.

Günter
Geschrieben von Günter am 10. Januar 2026 um 11:21

Danke für die Antwort. Bleibt so wie ihr seid!

Euer Magazin hebt sich wohltuend von "pseudo" journalistischen Portalen ab, bei denen es meist reicht, die Überschriften zu lesen. Hier lese ich gerne die ganzen Artikel, einfach weil sie häufig von Mensch zu Mensch geschrieben sind. Wer mehr will, kann ganz einfach "journalistisch" recherchieren.

Christopher
Geschrieben von Christopher am 10. Januar 2026 um 11:04

Ich finde das einen interessanten Artikel. Mutig und direkt und jetzt lehne ich mich vielleicht schon aus dem Fenster😁: Zwei sehr interessante Kommentare von euch beiden. Kontroverse würde ich sagen wollen. Ich war mir am Anfang nicht sicher wie gut ich das finde so etwas so auf der öffentlichen Bühne zu diskutieren. Da habe ich eine Nacht drüber geschlafen. Ich finde die Diskussion aber gut und wertvoll! Das macht euch zudem authentisch und zeigt, dass ihr im Core Team nicht immer einer Meinung seid, diese aber hoffentlich respektiert. Warum ich hier kommentierte: Mir macht der Anspruch von Fabian, den ich grundsätzlich nicht falsch finde, ein wenig Angst. Ich bin Galaxien davon entfernt dem gerecht werden zu können. Darauf zu vertrauen oder gar einzufordern, dass jemand aus dem Core Team dann für mich alles gerade zieht, würde ich nie erwarten. Damit wäre ich eher gehemmt einen Artikel zu schreiben (und ich kann schon nicht oft schreiben!). Wobei ich wie gesagt den Ansatz nicht falsch finde. Ich denke, dass es einigen anderen auch so gehen könnte, aber das ist nur meine persönliche Meinung.