Die Heimkehr aus Prag riss einen ziemlich schnell wieder in den Alltag zurück. Wie ausgemacht und versprochen verbrachte ich die ersten beiden Tage mit Gartenpflege, was erstmal hieß, den Wildwuchs, der sich in unserem doch recht großen Grundstück jedes Jahr aufs Neue bildet, massiv zurückzuschneiden. Außerdem vergriff ich mich an unseren Obstbäumen und schnitt sie so, wie ich dachte, dass man Bäume schneiden muss, damit sie mehr in die Breite als in die Höhe wachsen und damit einigermaßen in Pflückhöhe bleiben. Ich habe davon keine Ahnung, aber bis jetzt bekommen die Bäume in jedem Frühjahr neue Blätter und tragen Früchte aus. Am Pflaumenbaum fiel mir dabei ein Ast ins Auge, naja besser unters Auge, und hinterließ dort einen kleinen unschönen Cut. Danach hatte ich eigentlich keine Lust mehr, schnitt aber noch so einige enge Durchgänge in Rasenmäherbreite und meiner Kopfhöhe frei. Es nervt mich immer, beim Rasenmähen durch Äste kriechen zu müssen.
Als wir nach Prag den Briefkasten aufmachten, wartete einige wichtige Post auf uns, die zwar in Summe erfreulich war, uns aber auch vor einige als schwer bzw. erst im Nachhinein als „richtig“ oder „falsch“ zu bezeichnende Entscheidungen stellte. Egal, wie wir uns entscheiden, werden die nächsten Wochen und Monate ereignis- und arbeitsreich werden, denn am Ende soll eine Selbständigkeit von Maria stehen. Ich freu mich da drauf, denn ich werde sie einerseits unterstützen können und andererseits auch selbst viel Neues auf dem Weg dorthin lernen. Heute schauten wir schon mal mögliche Geschäftsräume an und hatten gleich einen Glückstreffer dabei, wie es aussieht. Läuft bis hierhin…
Heute wurden wir von Annes Mutter gefragt, ob wir mit ins Planetarium nach Halle kommen wollen. Anne ist eine Freundin von Lisbeth und wir wollten, denn wir haben ja trotz aller Aufregung auch noch einen Erziehungsauftrag. Wir fuhren dann auch selbst und sammelten die beiden mit ein. Es ging in der Show um Polarlichter. Das sah nicht nur gut aus in der Planetariumskuppel, sondern war auch sehr lehrreich. Eine leichte Nackenstarre gab es für lau ebenso dazu, wie einen virtuellen Blick in den heutigen Abendhimmel. Das fand ich sehr sehr schön gemacht und war auch noch deutlich günstiger als ein Kinobesuch. Ich kann einen Planetariumsbesuch Eltern mit Kindern daher nur wärmstens empfehlen. Im Anschluss gab es Burger bei „Hans im Glück“, ich wurde zu Hause von meinem Hausarzt versetzt und baute stattdessen Teile an mein Motorrad, das ich leider auch bald schon wieder einwintern muss.
Die Rezeption unseres Hotels überschüttete uns mit weiteren Wiedergutmachungen. Als wir Sonntagabend im Zimmer ankamen, warteten zwei neue Flaschen Wein auf uns, ohne das wir die alten angerührt hätten. Dazu stand ein großer Teller frisch aufgeschnittenes Obst unter Folie auf dem Tisch. Am Montag dasselbe Schauspiel, plus ein handgeschriebenes Kärtchen und eine Papiertüte mit einem 50,-€-Rabattgutschein für den nächsten Aufenthalt, einen Prag-Kühlschrank-Magneten und ähnliche Gimmicks. Das war, als wir kurz zum Ausruhen für eine Stunde im Hotel kamen. Ich war kurz davor, runterzugehen und darum zu flehen, dass wir doch jetzt endlich quit sind. Wie auch immer, Hotel Merkur in Prag. Offensichtlich ausschließlich von sehr jungen, sehr netten Menschen am Laufen gehalten. Kann ich empfehlen. Liegt günstig, ist preislich okay, hat einen eigenen Parkplatz. Könnte mir vorstellen, dass wir den Gutschein in diesem Hotel einlösen. Doch gut nun.
Nach spätem Frühstück wollen wir heute eigentlich nur auf die Burg. Dazu nutzen wir erstmals den ÖPNV. 40 Minuten kosten den Erwachsenen umgerechnet ungefähr 1,60€, Kinder zahlen nix. Wir sollen zuerst in einen Bus, der sehr klein ist. Direkt nach dem Setzen werden wir von einem Fahrkartenkontrolleur angesprochen. Wie sich herausstellt, befinden sich in dem engen Bus zwei Kontrolleure und zwölf Fahrgäste. Aber egal, ich hatte zwei Karten in der App. Irgendwo geht es dann mit Straßenbahn weiter und wir steigen vor dem Tor der Burg aus. Dort ist gerade Wachablösung und es hat sich eine Menschentraube gesammelt, die das filmt. Da war ich dabei. Als das überstanden war, bahnen wir uns den Weg durch Schulklassen aus aller Herren Länder und andere Menschentrauben mit schlechtem Gefühl für Zeit und Raum. Wir erfahren, dass unsere Prague-Card nicht für die Eintrittskarte gilt, die wir uns heute kaufen wollen, aber 35,-€ für die Familie sind trotzdem ein fairer Tarif. Zuerst zieht es uns in den Veitsdom, dass imposanteste Gebäude im größten geschlossenen Burgkomplex der Welt. Prachtvoll ausgestattet ist auch er ein gutes Beispiel dafür, dass das beste Kunsthandwerk auch in vergangenen Epochen immer dort zu finden war, wo das Geld steckte… also in Palästen und Kirchenbauten. Ich kann das durchaus beeindruckend finden, obgleich ich keinem Glauben anhänge. Heute fing ich jedoch recht schnell an, langsam genervt zu sein. Im Mittelschiff wurde gebaut und so schlängelte sich eine ständig stockende Menschenschlange von Eingang zu Ausgang um das Mittelschiff herum. Stehenbleiben, innehalten oder gar die Ruhe der Kirche genießen, war hier keine Option. Als wir vom Sog der Massen vorangeschoben hinten am Ausgang wieder rausfielen, hatte ich eigentlich schon keine Lust mehr. Das wiederholte sich dann in ähnlicher Form in der Basilika aus dem 10.Jahrhundert. Zu Beginn des Goldenen Gäßchens gingen wir dann in eine Ausstellung von Ritterrüstungen. Dort spürte ich dann irgendwann Hitze in mir aufsteigen und musste irgendwann raus. Die Prager Burg ist für alle, die gerne in winzigen Trippelschritten durch zu enge und niedrige Gänge halb Europa hinterherlaufen jedenfalls ein perfekter Ort. Für mich ist sowas jedoch Folter. Ich wollte eigentlich nur noch draußen und dann auch nur noch an Orten sein, in denen ich Platz hatte. Die goldene Gasse ist dafür nur bedingt geeignet, aber als Gebäudeensemble wenigstens einigermaßen possierlich. In der Nummer 22 wohnte kurz mal Kafka. Meiner Familie war nun nach Pause zumute, weswegen sie eines der vielen Cafes ansteuerten. Ich steuerte in der Zwischenzeit den Aussichtsturm des Veitsdoms an und fand Königspalast und Vorplatz. Dort war Platz und dort sah man die schönere Seite des Doms. Der Aufstieg zur Aussichtplattform kostete mich weitere 8,-€ und eine mittelschwere Übersäuerung der Wadenmuskulatur. Ich glaube, so viele Treppenstufen mit ungünstigem Schrittmaß bin ich noch nie hochgelaufen. Oben hatte ich einen Drehwurm und leichten Kreislauf. Hier kommt jetzt die Stelle, wo ich schreibe, dass die Aussicht dafür aber allemal entschädigt hat… und das hat sie wirklich. Prag ist auch von oben schön.
Im Anschluss holte ich meine Familie aus dem Cafe und zeigte ihnen den Palastvorplatz. In den Palast wollten wir eigentlich auch rein, aber aufgrund umfangreicher Baumaßnahmen konnten wir nur so eine Art riesigen gotischen Vladislavsaal besichtigen. Schade, aber eigentlich auch nicht schlimm. Die Töchter wurden langsam ningeliger als ich. So machten wir uns langsam auf den Weg ins Tal, ließen noch etwas Geld bei einem Imbiss und setzten uns in eine kleine Parkanlage.
Dort entschlossen wir uns dazu, mit der Straßenbahnlinie 22 eine kleine Stadtrundfahrt zu machen. Das hatte das Internet empfohlen, da diese Linie wohl an den meisten Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbei kommt. Wir fuhren also los und fingen nach zehn Minuten an, uns zu wundern, wie wenig Sehenswürdigkeiten man dann doch sieht. Nach fünfzehn bis zwanzig Minuten fing uns an zu dämmern, dass wir vermutlich in die falsche Richtung gefahren sind. Auch nach dreißig Minuten gingen wir immer noch davon aus, dass das ja eine Ringbahn sein müsse und sie irgendwann schon wieder in die Innenstadt fahren würde. Wir blieben stur sitzen. Die Outskirts von Prag wurden immer grauer und je weiter wir vom Zentrum wegfuhren, umso weniger Anzüge und Kleidchen trugen die Mitfahrer im Schnitt und umso mehr Härte und gelebtes Leben war in den Gesichtern. In den öffentlichen Verkehrsmitteln lernt man die Menschen einer Stadt am besten kennen. Uns half das aber alles nicht weiter. Wir kamen irgendwann an der Endstation an, wurden vom Zugführer gebeten, auszusteigen und stiegen in eine neue Bahn, die in die Gegenrichtung fuhr. Nach Sightseeing war aber nicht mehr zumute, als kürzten wir das mit einem Umstieg ab und fuhren direkt vor unser Hotel. Insgesamt lief das alles eher durchwachsen heute.
Das konnte dann nur der Abend retten und das tat er auch. Wir suchten via Google ein koreanisches Restaurant aus, das ein echter Glücksgriff war. Im Gastraum saß ein hoher Anteil Gäste mit asiatischen Gesichtern und seit London wissen wir, dass das immer ein gutes Zeichen ist. Der Service war erstklassig und das Essen hat unserem kontinental-kulinarischen Begriff „asiatisch“ nochmal eine völlig neue Nuance hinzugefügt. Das war gut. Im Anschluss wollten wir uns würdig von der Innenstadt verabschieden und bummelten dort noch ein bißchen lang. Abends verändert sich Prag und man trifft fast nur noch Leute, die auf Unterhaltung aus sind. Lisbeth fand in einem Souvenirshop eine kastenförmige Katze, die mit Hilfe von Meta AI „Oreo“ tauften. Es gab schicke angestrahlte Gebäude, Straßenmusik und auf einem großen Platz auch eine Tänzerin. Wir alberten mit den Töchtern rum, ließen uns Zeit und hatten am Ende den Touristenoverkill vom Vormittag schon fast wieder vergessen. So konnten wir den Kurztrip enden lassen.
Eine gut durchschlafene Nacht und ein gutes Frühstück später waren wir bereit für den Heimweg. Der lief, abgesehen von einem halbstündigen Stau an der Grenze, ereignislos ab. Am Wegesrand fielen links und rechts die Blätter. Als Fazit bleibt, dass wir Prag mögen und sicher mal wiederkommen. Weniger wegen der touristischen Ziele, aber gerne, wegen dem Flair der Stadt. Es werden sich problemlos interessante Ziele finden lassen, die einen nicht ganz so überfordern.
Der Tag beginnt mit einem wirklich tollen Frühstück im Hotel Merkur. Nach dem Frühstück steht der Umzug in unser richtiges Zimmer an. Der junge Mann, der mir die Mitteilung an den Tisch bringt, an dem ich gerade die gestrigen Memoiren schreibe, dass unser Zimmer nun bereit wäre, verquatscht sich ziemlich fatal. Die Leute hätten schon ausgecheckt und unser Zimmer wäre jetzt gereinigt. Das passt nicht so richtig zu der Geschichte vom kaputten Rohr, sondern eher zu einer Doppelbuchung. In dem Moment, wo er es sagt, friert ihm deswegen auch kurz das Gesicht ein. Das sehr junge Personal ist fortan noch freundlicher, als am Vortag. Es ist nun schon fast unerträglich. Das neue Zimmer ist viel schöner und moderner, andererseits sind die Matratzen der Betten deutlich unbequemer, als in unserem „Notlager“. Ich weiß daher nicht, welches Zimmer ich nun besser fand.
Wir kommen durch die ganzen Umstände recht spät aus unserem Hotel. Das erste Ziel, welches wir ansteuern, ist das „Museum der phantastischen Illusionen“. Man muss die Töchter ja auch ein wenig bei Laune halten, dieses Museum verspricht, dies leisten zu können und hält dieses Versprechen auch. Optische Täuschungen wechseln sich ab mit Bildern, in die man sich einbauen kann und frühen Apparaten, die die Trägheit des menschlichen Auges nutzen. Laterna Magica usw. Da haben wir eine gute Stunde verbracht und viele Fotos geschossen.
Auf dem Weg dorthin fielen mir, wie schon am Vortag, einige Hausfassaden und Inneneinrichtungen von Cafes und Restaurants auf. Ich Google und lerne Dinge über den tschechischen Kubismus, eine lokale Sonderform des Kubismus. Mich erinnerte das sehr an Jugendstil oder Art Nouveau. Ich habe aber auch keine Ahnung, aber auf alle Fälle mag ich diesen Stil sehr.
Wir liefen vom Museum weg zu unserem nächsten Ziel, trafen aber zunächst auf eine „Cinnamood“-Filiale, die es (selbstverständlich) auch hier gibt und die meine Familie (selbstverständlich) nicht unbesucht hinter sich lassen kann. Ich warte, wie so oft, geduldig vor dem Geschäft. Unweit der Cinnamood-Filiale finden wir den rotierenden Kafka-Kopf, ein Kunstwerk von David Černý. Während ich drauf warte, dass der endlich rotiert, ist meine Familie Zimtschnecken.
Der weitere Weg führt uns dann wieder auf die Karslbrücke. Die ist etwas leerer als am Vortag, aber immer noch voll genug. Straßenmusiker sorgen für gute Stimmung, Maria wird von einer Ohrringverkäuferin derart mit Schleim überzogen, dass sie kaum anders kann, als schon wieder Ohrringe zu kaufen, dann können wir endlich weiter. Unweit der Brücke finden wir zufällig die mit 70cm Breite schmalste Gasse der Welt und nutzen die dortige Ampelregelung um je einmal runter- und wieder hochzulaufen.
Dann kommen wir zu einem Ziel, auf das ich mich besonders gefreut habe. Das Kafka-Museum. Maria bleibt mit den Töchtern freiwillig vor der Tür, um einen kleinen Snack zu essen, was zu trinken und sich in der Sonne von den doch recht langen Laufwegen zu erholen. Ich geh also alleine rein. Wie wohl jeder gute sensible Jugendliche, der Probleme mit der Zugehörigkeit in dieser Welt hat und seine Umwelt hauptsächlich als absurd erlebt, war auch ich sehr stark an Kafkas Werk interessiert. So richtig verstanden habe ich ihn allerdings erst, als ich nach Schule, Ausbildung und Studium anfing, im Büro zu arbeiten. Das Grundgefühl der Jugend verlässt einen wohl nicht so leicht, sondern wird nur immer wieder bestätigt. Mit dem Alter schafft man es bestenfalls, ein wenig ironischen Abstand und anderweitigen Umgang damit zu entwickeln. Die Ausstellung im Museum selbst wird Auto und Werk sehr gut gerecht, würde ich sagen. Sie ist allerdings sehr textlastig und mit vielen papiernen Schaustücken versehen. Von daher ist sie Familien mit Kindern nicht wirklich zu empfehlen. Es wird sowohl eingegangen auf das Aufwachsen des kleinen Franz im historischen Prag und im Spannungsfeld seiner Familie, als auch auf die Zerissenheit Kafkas in der Auseinandersetzung mit sich selbst und seinem Werk. Auch sein beschönigend als schwierig zu bezeichnendes Verhältnis zu seinen Frauenbeziehungen wird natürlich thematisiert. Die Schaukästen sind im Kontext der jeweiligen Werke gestaltet und werden von einigen Installationen und Videoschaustücken aufgelockert. Mir hat es gefallen.
Als ich nach Besuch des Museums bei meiner Familie am Tisch eintreffe, bestelle ich mir erstmal ein großes Bier. Der Kellner teilt mir mit, dass ein großes Bier in seinem Lokal ein 0,4 Liter-Bier in Kombination mit einem „Becherovka“ sei und geht, ohne meine Reaktion abzuwarten wieder. Er kommt recht bald mit einem Bier und einem Schnaps wieder, sagt: »Becherovka kaputt!« und stellt mit ein Bier und einen Slivovitz hin. Kafkaes, aber auf eine gute Art.
Nach der langen Ausruhpause entschließen wir uns, über das laute Veto der Töchter hinweg, am Ufer der Moldau entlang mit einem kleinen Umweg zurück zum Hotel zu laufen. Das war schön. Wir trafen seltene und weniger seltene Enten, verrückte Taubenfrauen und schöne ruhige Passagen. Entlang der Mosel gab es in diesem Abschnitt auch viele Restaurant-, Disco- und Barboote, die dort angelegt hatten. Wären wir abends nicht immer so müde, wäre das was für die Abendgestaltung gewesen.
Zurück im Hotel verlieren wir etwas die Zeit. Maria und Lisbeth schlafen ein, wir anderen beiden lesen. So ist es schon nach sieben, als wir uns auf die Suche nach einem Abendessen begeben. Wir gehen etwas abseits der Innenstadt in ein Restaurant für asiatische Fusionsküche und haben damit sehr viel Glück. Sowohl geschmacklich, als auch preislich war das sehr sehr gut gelungen. Alles, was wir bestellten, war total gelungen.
Nach dem Essen liefen wir noch ein gutes Stück durch die Gegend. Das ist auch etwas, dass ich an solchen Kurztrips sehr genieße. Man hängt sehr eng und in einem total anderen, nicht alltäglichen Kontext mit seinen Töchtern zusammen. Dadurch kommt man zu ganz anderen, viel gelösteren Interaktionen und Gesprächen. Das bringt uns sehr viel enger zusammen, als es der Alltag je könnte. Weil wir uns immer gut bewegt haben, geht dann aber auch immer beizeiten das letzte Licht aus im Familienzimmer.
Wir haben keinen Stress an unserem ersten Urlaubstag. Wir frühstücken in Ruhe und gegen 9 fahren wir los. Nach vier bis fünf Kilometern fahren wir dann nochmal zurück, um einen Schal zu holen, dann fahren wir richtig los. Die Sonne scheint, wir fahren durch herbstliche Landschaft mit bunten Blättern. An der tschechischen Grenze werden wir daran erinnert, dass es ja immer noch diese unsäglichen, populistischen Grenzkontrollen gibt, denn in der Gegenrichtung ist ein mehrere Kilometer langer Stau zu sehen. Wir werden auf dem Rückweg versuchen, uns Überland nach Deutschland durchzuschlagen. Ich kenne da eine schöne kurvige Strecke durchs Erzgebirge, wo vielleicht nicht so viele lang fahren, die nach Deutschland wollen.
Kurz nach Mittag kommen wir an unserem Hotel an. Zentrumsnah, mit eigenem Parkplatz und Frühstück. Die Rezeptionistin erklärt und mit entschuldigens-sorgenvoller Mine, dass es in unserem Zimmer einen technischen Defekt an der Wasserleitung gibt, der erst morgen behoben sein wird und wir für eine Nacht in einem einfacheren Zimmer untergebracht werden müssen. Als Gegenleistung können wir unseren gesamten Aufenthalt über das Tagesbüfett bis 21 Uhr kostenlos nutzen. Dort gibt es Snacks, Kuchen, Eis und alkoholische und alkoholfreie Getränke. Außerdem erhalten wir eine Prague-Card kostenlos, die uns Ermäßigungen in Museen, touristischen Fahrgeschäften und Restaurants verspricht. Damit können wir gut leben. Das Zimmer ist dann tatsächlich im Backstage und sehr schlicht und steht voller Betten. Ich zähle sieben Stück auf engstem Raum, die sicherlich sonst eher als Personalunterkunft dienen. Für eine Nacht zum Schlafen geht das schon.
Nach einer kurzen Ausruhpause laufen wir in die Innenstadt, um uns einen Überblick zu verschaffen. Ich war 1996 auf einer Abschlussklassenfahrt das letzte Mal in Prag und habe praktisch keinerlei Erinnerung daran, außer denen, die ich mir aus Fotos und von Erzählungen anderer erschließen konnte. Von hohem Alkoholkonsum und den von Klassenkameraden in die Hotelwand geworfenen zuvor bei zwielichtigen Gestalten gekauften tschechischen Ninjasternen und Wurfmessern ist da die Rede. Es waren andere Zeiten…
Am Karlsplatz, den man in seiner Gesamtheit auch erstmal auf sich wirken lassen muss, hat sich vor dem Rathaus eine riesige Menschenmenge gebildet. Wir stellen uns dazu und starren wie alle anderen auf die astronomische Rathausuhr. Zur vollen Stunde schlägt dann ein Skelett die Glocke, zwei Türen gehen auf, es zeigen sich in diesen die zwölf Apostel, dann gehen die Türen wieder zu. Applaus. Für die Zeit, in der das entstand, schon beeindruckend, aber nun ja…
Weiter gehts zur Karlsbrücke. Die scheint von Weitem aus Menschen gebaut zu sein. Lebendigen Menschen. Auch beeindruckend. Die Sonne ist gerade am untergehen und alle suchen das perfekte Fotomotiv mit Moldau und Altstadt im Hintergrund. Wir laufen einmal rüber, streichen an einer der Figuren, warum auch immer, einem blank geputzem Hund über den Bauch. Dann laufen wir auf der anderen Seite zurück. Die Sonne ist nun schon fast weg, was dazu führt, dass es auch auf der Brücke leere wurde. Auf der anderen Brückenseite stehen die Portraitmaler und Schmuckhändler, was zwangsläufig dazu führt, dass Geld den Besitzer wechselt und Ohrringe in Marias Besitz wandern.
Es ist nach 18 Uhr und wir bekommen Hunger. Immer, wenn ich in Tschechien bin, esse ich traditionell, was für mich heißt: „Gulash mit Knedely und ein Pilsner Urquell vom Faß“. Da muss dann aus dem Vegetarier mit pesketarischen Tendenzen mal kurz ein Flexitarier werden. Es fällt uns aber wirklich nicht leicht, ein geeignetes Restaurant zu finden. Am Ende landen wir in der Restaurantkette „Swejk“, benannt nach dem braven Soldaten und werden dort sehr glücklich. Anschließend laufen wir durchs nun schon nächtliche Prag zurück ins Hotel, holen uns dort Chips, Salzstangen, Erdnüsse, Bier, Wein und Limo vom Buffet und schauen auf dem Tablet zu, wie der MBC hochkant gegen Ulm aus dem Pokal fliegt. So endet der erste Tag in Prag.
Das Laufen auf Arbeit und auch das Laufen zurück gefallen mir mittlerweile so gut, dass ich es diese Woche gleich dreimal statt der ursprünglich geplanten zweimal getan habe. Das zügige Lauftempo bringt mich morgens gut in Wallung und Abends gut runter. Ganz grundsätzlich empfiehlt es sich ja immer, Dinge mit Dingen zu verbinden, die man sowieso tun muss. In dem Fall: auf Arbeit kommen muss ich sowieso, also kann ich es auch mit sonst nicht stattfindender Bewegung verbinden. Das führt dann an drei Tagen pro Woche zu einem zusätzlichen Kalorienverbrauch von 400-500 Kalorien. Wenn man die Energieaufnahme gleich lässt oder gar etwas reduziert, nimmt man rund ein Kilo pro Woche ab (also ich, also bis jetzt). So könnte es sein, dass im Mai sogar meine allererste Motorradjacke wieder passt und die ist immerhin vollkommen regenfest, was in Schottland sicherlich angebracht sein würde.
Für die Schottlandreise gibt es seit Mittwoch einen Zeitraum, der dadurch festgezurrt wurde, dass wir Hin- und Rückfähre gebucht haben. So haben wir einen Rahmen gesteckt und uns eine Viererkabine zum Preis einer Zweierkabine sichern können. Einige Details wurden bei der Gelegenheit auch gleich besprochen. Ich bin mir immer sicherer, dass das schön wird.
Am Mittwoch im Homeoffice wurde mir bewusst, dass Ferien sind. Es war auch gut feststellbar, denn Lisbeth und Hannah hatten ihre Zwillingsfreunde zu Besuch. Weiterhin anwesend war der Patenhund Bruno und das ergab eine explosive Mischung, da letztgenannter an diesem Tag alterstechnisch und hormonell etwas anstrengend war. Er bellte sinnlos und sehr laut die Kinder an, ob es Grund gab oder nicht. Noch viel unangenehmer war aber, dass er Lisbeth heute „besonders lieb“ hatte und sich immer an ihr reiben wollte. Da half nur Trennung und sowieso stoische Gelassenheit.
Jedenfalls führen diese Ferien nun zu ein paar Tagen Urlaub und die werden wir mit einem langen Wochenende in der osteuropäischen Stadt Prag beginnen. Da war ich zuletzt im Jahr 1996 auf Klassenfahrt und bin nun schon gespannt, was sich in den vergangenen 30 Jahren dort getan hat.
Was mir gerade einfällt und auch noch an den langen Spaziergängen gefällt, ist die Musik, die ich dabei hören kann. Man kommt zu Hause nicht oft dazu, sich einfach mal eine Stunde mit Kopfhörern auf den Ohren in Ruhe hinzusetzen und einfach nur Musik zu hören. Ich hatte schon fast vergessen, wie wunderschön es sein kann, mit guten Kopfhörern, also so richtig in Stereo und mit Raumklang und ausgewogenen Höhen, Mitten und Tiefen Musik zu hören. Das genieße ich sehr und habe dabei gleich so einen elektronische Musikspleen entwickelt, weil dort die Sounds am räumlichsten und beeindruckendsten sind.