Diskussion über diese Post

Avatar von User
Avatar von Timogenes

Großartig. Konsens statt Nonsens. Danke für die ausgezeichnete Analyse.

Avatar von Der Elfenbeinturm

Ich würde gerne mal eine kritische Perspektive auf deinen Text einnehmen. Zusammengefasst habe ich deine Argumentation wie folgt verstanden: Die links-liberale Weltsicht ist innerlich widersprüchlich, philosophisch defizitär und praktisch destruktiv. Nur eine Orientierung am objektiven, substantiellen Guten und am Gemeinwohl kann die Gesellschaft heilen und menschliches Gedeihen ermöglichen, wobei der christliche Glaube bzw. die philosophische Weltanschauung dahinter dieses Andere bieten könnte.

Wenn ich das richtig verstehe gestaltet sich der von dir aufgestellte Zusammenhang des Widerspruchs, gerade anders herum. Eine christlich religiöse Weltanschauung ist die Bedingung des Problems das du beschreibst. Lass mich das ausführen:

1. Christliche Moral und das Individuum

Ich denke es ist einfach zu erkennen, dass das Christentum eine Weltanschauung darstellt die den Einzelnen in den Vordergrund rückt und priorisiert, anders gesagt individualisiert. Sei es durch die Vorstellung, das Gott einen jeden im Blick hat, man also ständig unter Beobachtung steht und sein Verhalten daher "optimieren" muss, oder durch die Beichte offenlegen muss wenn letzteres fehlgeschlagen ist. Desweiteren ist der Mensch, also jedes einzelne Subjekt, nach Gottes Ebenbild erschaffen und seine wichtigste Schöpfung. Wir haben also ein im Kern "göttliches Subjekt". Das was du als Problematik des Privationismus beschreibst, die Sorge um das was es moralisch zu vermeiden gilt, entspringt also aus der (a) Vereinzelung des Menschen vor Gott und (b) eben durch eine Kultur der Vermeidung die im christlich religiös geprägten Wertekanon verankert ist.

2. Christliche Moral und der Liberalismus

Der Liberalismus als Staatsform und Ideologie ist darauf ausgelegt eine größtmögliche Freiheit für den Einzelnen zu gewährleisten und der Frage danach wie man darum Gesellschaft organisieren kann. Liest man Denker wie Dewey, Berlin oder Hayek (Neoliberalismus) legen alle eine Form von "im Kern vollkommenen Menschen" zugrunde. Die Idee ist also die eines "Samen" der sich entfalten und gedeihen soll, was nur unter der größtmöglichen Freiheit zur Ausschöpfung dieser angelegten Potenziale gelingen kann. Eben diese Idee speist sich aus der christlich religiösen Vorstellung des oben erwähnten "göttlichen Subjekts", wenn auch implizit.

3. Ableitung

Man könnte also denke ich durchaus das Argument machen, dass das Problem das die Lösung die du beschreibst, nicht die Lösung sondern der Ursprung des Problems ist. Vor diesem Hintergrund gibt es andere Aspekte deiner Arbeit wie die Naturbeherrschung (Horkheimer & Adorno: Dialektik der Aufklärung) oder das auseinanderbrechen "objektiver" Moralvorstellungen (Ulrich Beck Reflexive Moderne) die mit anderen Konzepten wesentlich besser (meiner Meinung nach) erklärt werden könnten und damit auch andere Lösungswege freilegen könnten, die an dem Bestehenden ansetzen und es weiterdenken, anstatt sich umzudrehen und auf eine "glorifizierte" Vergangenheit zu deuten, die wir so in dieser Ausprägung nicht mehr rekonstruieren können (ob wir wollen oder nicht).

6 weitere Kommentare …

Keine Posts

Sind Sie bereit für mehr?