"Kein Frieden mit Faschisten"
Das Linksliberale und das Problem des Guten (Teil II)
In meinem letzten Artikel habe ich versucht, ein grundlegendes Problem der links-liberalen Weltsicht aufzuzeigen. Nämlich, dass sie in ihrem lobenswerten, aber fehlgeleiteten Versuch, das Individuum von allen äußeren Zwängen und Kräften zu befreien, das Verständnis des Guten ins Gegenteil verkehrt hat: Das Gute wird nicht mehr als ein positiver Lebensinhalt verstanden, sondern eher als das Vermeiden des Negativen. Das authentische, emotionale Selbst rückt ins Zentrum, und die Moral wird um dessen Schutz herum definiert. In diesem zweiten Text möchte ich diese Gedanken erweitern, indem ich die im ersten Artikel gestellten Fragen beantworte.
Weltanschauung und ideologische Reinheit
Wie erwähnt beschreibe ich hier eine reine Form der links-liberalen Ideologie – eine, die kaum jemand in ihrer Gänze vertritt, außer vielleicht die radikalsten Vertreter. Dennoch ist eine solche Analyse notwendig. Eine Weltsicht, die grundsätzlich wahr ist, sollte dazu führen, dass diejenigen, die sie ernst nehmen, gesünder, menschlicher und vernünftiger werden – nicht weniger.
Ich glaube z.B. dass der christliche Glaube – je ernster und radikaler man ihn nimmt – man nicht kränker, sondern gesünder, nicht irrationaler, sondern zutiefst vernünftiger macht. Für jede Möglichkeit, eine einzelne christliche Tugend zu isolieren und destruktiv zu übertreiben, gibt es eine andere Tugend, die ihre Schwächen ausgleicht: Barmherzigkeit vollendet die Gerechtigkeit, Liebe vollendet die Wahrheit.
Der Links-Liberale jedoch, so bin ich überzeugt, kann seine Sicht der Welt nicht vollständig ernst nehmen, ohne sich selbst, andere und letztlich die gesellschaftlichen Bindungen zu entfremden, die das soziale Miteinander zusammenhalten. Deshalb glaube ich, dass viele Vertreter dieser Weltsicht gezwungen sind, Einsichten von außen zu importieren, die ihrer eigenen privationistischen „Metaphysik“ eigentlich fremd sind – nur um geistig gesund zu bleiben. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft voller Menschen mit fragmentierten, sich widersprechenden Weltbildern, die es enorm erschwert, die Wirklichkeit philosophisch zu erfassen.
Warum diese Sichtweise grundsätzlich unwahr ist
Erstens ist diese Sichtweise irrationalistisch, weil sie das Sein dem Selbst unterordnet. Das mag gewagt klingen, ergibt sich aber klar aus der Moralphilosophie der Aufklärung: Das Ego ist die grundlegende Realität menschlicher Erfahrung, von Natur aus gut (Rousseau), und es nutzt die Vernunft, um seine Ziele zu erreichen (Locke). Vernunft ist damit nicht mehr das Selbstoffenbarung des Seins in der menschlichen Erkenntnis, sondern lediglich ein Werkzeug zur Erreichung des eigener Ziele. In einem solchen Universum wird das Ego zum moralischen Imperativ – zum Guten. Was also das Gute in diesem Sinne behindert, hat kein Existenzrecht mehr, und die Wissenschaften und die Philosophie selbst werden zu einem ständigen Projekt der Dekonstruktion und Skepsis, mit dem Ziel, das Selbst immer weiter zu befreien.
Das bedeutet jedoch nicht, dass der Links-Liberale völlig von der Realität entfremdet ist – im Gegenteil: Viele kennen sich gut mit empirischen Fakten und ethischen Konstrukten aus. Das Grundprinzip des Liberalismus ist technokratisch: die Nutzung der Natur, losgelöst von ihren natürlichen Zielen, zur Verwirklichung der Selbstziele. Weil die Welt jene bestraft, die sich vollständig von ihr entfremden, liegt es im Interesse jedes Wesens, die Realität zumindest so weit zu kennen, dass sie nützlich wird. Doch dieses Interesse gilt nicht dem Sein oder dem Ding an sich, sondern nur der Nützlichkeit zur Zielverwirklichung des Willens. Philosophie als aufrichtige Suche nach der Wahrheit hinter den Erscheinungen der Erfahrung wird verdrängt, schlimmstenfalls als gefährliche Illusion.
Das Problem: Sobald das Sein dem Selbst untergeordnet ist und ihm keinen Nutzen mehr bringt – sei es individuell oder gesellschaftlich –, verliert es jegliche Bedeutung. So werden fundamentale Wahrheiten, die nicht in das liberale Projekt passen – wie eine objektive menschliche Natur, das biologische Geschlecht, Unterschiede zwischen Mann und Frau oder die realen negativen Effekte von Massenmigration usw. – moralisch verdächtig.
Daher ruht die links-liberale Annäherung an die Realität auf der Annahme, dass die Wahrheit an sich entweder unwichtig oder unerreichbar sei – und wird folglich gar nicht erst gesucht. Doch jede Weltsicht, die sich nicht auf die Wahrheit ausrichtet, führt letztlich entweder ins Absurde (buchstäblich: Sinnlosigkeit) oder zur falschen Überzeugungen.
Zweitens: Weil die privationistische Sichtweise die Welt durch die Augen des kollektiven Selbst betrachtet, verlagert sie den Fokus weg von der Erkenntnis der Dinge, wie sie sind, hin zu ihrer emotionalen oder sozialen Wirkung auf andere. Dies führt zu schwerwiegenden Fehlurteilen in der Diagnose gesellschaftlicher Probleme – wegen mangelnder Nuancierung.
In diesem Denksystem werden Individuen zu symbolischen Repräsentanten struktureller Machtverhältnisse, sei es als Unterdrücker (z. B. Reiche, Europäer, Heterosexuelle) oder als Unterdrückte (z. B. nicht-cisgeschlechtlich, weiblich, dunkelhäutig usw.). Ihre konkrete Realität und Lebenserfahrung verschwinden aus dem Blick. Die Folge: Der konkrete Mensch wird auf seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe reduziert – entweder als Täter oder Opfer gesellschaftlichen Übels.
Da die unterdrückenden Kräfte das Böse in der Welt darstellen, in links-liberalen Denken sind dann ihre Gegner daher die Guten. Die Welt wird zur Karikatur, zum Kampf zwischen absolut Gut und absolut Böse. Dies verhindert aber nicht nur, dass Links-Liberale Tugenden auf der Gegenseite erkennen, sondern ebenso, dass sie eigene Schwächen wahrnehmen.
Dies ist eine grundlegend falsche Sicht auf den Menschen. Kein Mensch, auch nicht ein tief gefallener, ist bloß sein Böses. Das schließt jede Erlösung aus. Und kein guter Mensch ist rein gut – das verhindert moralisches Wachstum und Selbstreflexion. Die durch schwere Fehler gewonnene Einsicht der Geschichte wurde von Aleksandr Solschenizyn in seinem Werk „Der Archipel Gulag“ auf den Punkt gebracht:
„Die Trennlinie zwischen Gut und Böse verläuft nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen, nicht zwischen Parteien – sondern mitten durch jedes Menschenherz.“
Warum dieser Zugang zur Welt auf Dauer nie praktisch erfolgreich sein kann
Die links-liberale Weltsicht strebt im Kern danach, das Individuum von gesellschaftlichen Kräften zu befreien, die die Authentizität unterdrücken und das Selbst bedrängen. In diesem Sinne widersetzt sie sich zu Recht jenen, die ihre eigenen Willensvorstellungen anderen aufzwingen wollen – durch Machtausnutzung innerhalb menschlicher Beziehungen. Doch das gesamte Projekt leidet an einem unlösbaren Grundproblem:
Gerade der ursprüngliche Impuls, eine Gesellschaft mit objektiven moralischen Regeln und bindenden Erwartungen zurückzuweisen, entfesselt genau jene Kräfte, die man eigentlich zu bekämpfen versucht. Wer ist denn noch motiviert, sich respektvoll gegenüber anderen zu verhalten, wenn er jeglichen Glauben an einen objektiven Wert des Menschseins aufgegeben hat?1 Eine Gesellschaft, die an objektive, positive Moral glaubt – mit gesunden Erwartungen daran, wie ein tugendhafter Mensch handeln sollte, und der Überzeugung, dass jeder Mensch dazu berufen ist, tugendhaft zu werden –, besitzt ein weitaus größeres Potenzial, echtes gesellschaftliches Wachstum zu fördern und ungerechte Unterdrückung zu verringern.
Ein Beispiel: Der Links-Liberale ist in der Regel gegen sexuelle Moralvorstellungen und Tabus. Wer glaubt, dass Pornokonsum falsch sei und Sexualität der lebenslangen Ehe vorbehalten bleiben sollte, gilt als verklemmt und rückständig – als Feind wahrer Authentizität.
Doch gerade die Ablehnung dieser „Verklemmtheit“ schafft eine Gesellschaft, in der Frauen – die im Allgemeinen andere sexuelle Präferenzen und ein stärkeres Bedürfnis nach Stabilität und Exklusivität in Beziehungen haben als Männer2 – gezwungen sind, sich an eine Kultur des Gelegenheitssex anzupassen, um überhaupt eine Chance auf Partnerschaft zu haben. Die Feministin Louisa Perry schreibt:
„Die Hook-up-Kultur ist ein furchtbares Geschäft für Frauen und wurde doch vom liberalen Feminismus als eine Form der Befreiung verkauft. Ein wahrhaft feministisches Projekt würde fordern, dass in der heterosexuellen Dating-Welt nicht die Frauen, sondern die Männer ihre sexuellen Triebe anpassen [...] Und obwohl es für junge Frauen möglich ist, sich dem zu entziehen, deuten Studien darauf hin, dass nur eine Minderheit dies auch tatsächlich tut. Ohne eine religiöse Verpflichtung ist dieser Weg mittlerweile der ‚normale‘ Einstieg in die sexuelle Aktivität bei Mädchen.“
„Der liberale Feminismus hat Sex ‚wie ein Mann‘ als Weg zur weiblichen Befreiung verherrlicht. Doch wir werden nie Sex wie Männer haben können, denn wir werden nie Männer sein. In der Heterosexualität liegt eine inhärente Asymmetrie, die sich nicht überwinden lässt – trotz moderner Verhütungsmittel und anderer Technologien, die eine brüchige Illusion von Gleichheit erzeugen. Wir können diese Tatsache entweder akzeptieren und entsprechend handeln – oder wir schicken weiterhin junge Frauen als Kanonenfutter in den Kampf gegen sexistische Doppelmoral, nur um dann, wenn sie verwundet zurückkehren, den Sexismus umso lauter zu beklagen.“3
Im Namen der Authentizität haben wir also eine Kultur aufgegeben, die der weiblichen Sexualität eher entsprach – indem sie den unersättlichen männlichen Sexualtrieb durch Ehe disziplinierte – und eine ersetzt, in der männliche Dominanz und sexuelle Präferenzen herrschen. Frauen sehen sich gezwungen, ihre eigene Authentizität aufzugeben und in eine „Hook-up“-Kultur einzutauchen, um überhaupt noch eine Aussicht auf Partnerschaft zu haben.
Es gibt unzählige kulturelle Bereiche, in denen die links-liberale Ablehnung moralischer Tabus gerade jene Ziele sabotiert, die sie zu erreichen vorgibt. Eine exzellente Analyse dieser Widersprüche bietet Patrick Deneens Buch Why Liberalism Failed (Warum der Liberalismus gescheitert ist). Die konsequentere linke Position wäre eine, die dem Menschen tatsächlich eine inhärente Natur und einen objektiven Wert zuschreibt und darauf beharrt, dass diese Natur zur Norm wird. Doch weil dies im Widerspruch zum antimetaphysischen liberalen Bekenntnis zu Authentizität und Freiheit steht, ist ihr Projekt zum Scheitern verurteilt.
„Kein Frieden mit Faschisten“
Wir haben bereits festgestellt, dass die Moral des Privationismus dazu neigt, sich stärker darauf konzentriert, das Böse zu bekämpfen als das Gute zu verwirklichen. Doch dieser Widerstand richtet sich häufig gegen konkrete Menschen oder Menschengruppen – gegen jene, die das abstrahierte Böse in der Welt verkörpern sollen. Der daraus resultierende moralische Antagonismus aktiviert ein tief verankertes, evolutionär geprägtes Verhalten: Menschen bauen Mauern und hören nicht mehr zu, sobald sie sich angegriffen fühlen.
So verstärkt die polarisierende Sichtweise des Links-Liberalen letztlich die Spaltung der Gesellschaft. Sie sucht nicht nach Verstehen, Versöhnung oder Herzensveränderung – sondern nach gegenseitiger Auslöschung.
Der moralpsychologische Evolutionsforscher Jonathan Haidt beschreibt: Der Mensch ist kaum fähig, ernsthaft auf die Argumente von Menschen zu hören, für die er keine Sympathie empfindet. Die Möglichkeit eines echten Wandels – in Denken und Herz – wird durch den Beziehungsbruch blockiert. Übrig bleibt nur noch der politische und soziale Kampf – ein Nullsummenspiel ohne Hoffnung auf Heilung.
Warum nur die Vision eines substantiellen Guts unsere Probleme lösen kann
Die von Links-Liberalen angesprochenen Übel – wie Rassismus, Sexismus oder ungerechte Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung – sind oft sehr real. Doch die von ihnen angebotene Lösung ist auf lange Sicht nicht tragfähig. Die Ablehnung jeglicher Metaphysik, die Umkehrung von Gut und Böse, die Auflösung objektiver Moral sowie die Fixierung auf Protest als gesellschaftliches Mittel – all dies führt nicht zur dauerhaften Erneuerung des sozialen Gefüges, selbst wenn es zu messbaren Erfolgen und realen Fortschritten gekommen ist.
Warum? Weil die Mittel des Links-Liberalen (im reinen Sinne) eben eher Protest und soziale Ausgrenzung sind – nicht aber eine Umkehr des Herzens. Das heißt: Viele, die nun bestimmte ungerechte Verhaltensweisen unterlassen, tun dies nicht aus innerer Überzeugung, sondern aus Angst oder gesellschaftlichem Druck. Das eigentliche Problem – das Böse oder gefährliche Ideen im Herzen des Menschen – bleibt bestehen, wird lediglich an einen anderen Ort verdrängt. Auch wenn gewisse Formen der Unterdrückung abgenommen haben, leiden Depression, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Geburtenrate und Gemeinschaft massiv – unter anderem wegen des radikalen Individualismus, der im selbstzentrierten Begriff des Guten steckt.
Am grundlegendsten ist: Die menschliche Natur verlangt nach einem positiven, nicht willkürlichen Gut, für das es sich zu leben lohnt – einem Ziel, das unsere Entscheidungen orientiert. Das zeigt sich in der Art und Weise, wie wir unser Leben strukturieren, uns gewisse Freuden versagen, um größere Ziele zu erreichen, ja sogar bereit sind, unsere höchsten Ziele aufzugeben für noch höhere Prinzipien – in selbstloser Hingabe oder heroischem Opfer.
Wir sind nicht die Art Wesen, die das links-liberale System für sein Gelingen benötigt. Die unheilbare Wunde der Menschheit ist die Sehnsucht nach Wahrheit, Schönheit, Exzellenz, Liebe, Ehre, Sinn, Opfer und Abenteuer. Jedes Denksystem, das uns dieser Dinge beraubt – das die Moral auf das bloße Vermeiden des Negativen reduziert –, vergiftet unser auf Sein ausgerichtetes Wesen.
Zuletzt: Warum die Idee des Gemeinwohls für jede Gesellschaft unentbehrlich ist
Eine Gesellschaft braucht eine Vorstellung vom Gemeinwohl, um zu gedeihen – aber das ist im links-liberalen Weltbild nicht konsistent möglich. Wer die Welt durch liberale Brille sieht, sieht sie als Nullsummenspiel: Wenn ich bekomme, was ich will, kannst du es nicht haben. Wenn der Mann seine Natur verwirklicht, wird die Frau unterdrückt. Gedeiht der Herrscher, so muss er seine Untertanen dadurch knechten – und wenn diese gedeihen sollen, muss sein eigenes Gedeihen verhindert werden. Die Welt wird zum ständigen Machtkampf entwurzelter Egos.
Doch diese Sicht ist unberechtigt reduktionistisch und falsch. Die menschliche Natur reicht tiefer. Wenn wir sie als auf Tugenden wie Hingabe, Dienst, Liebe, Demut, Freundschaft und Selbstopfer ausgerichtet verstehen, erkennen wir: Das wahre Gedeihen des Mannes ist auch das der Frau. Das wahre Gedeihen des Wohlhabenden oder Machtbesitzenden ist auch das des weniger materiell Gesegneten – und auch umgekehrt. Denn wir sind nicht für bloßen Konsum und Selbstverwirklichung gemacht, sondern für viel, viel mehr.
Eine gerechte Gesellschaft findet ihre Vollendung in einem vielfältigen Gefüge, in dem jeder Mensch mit seinen Gaben und Mitteln tugendhaft zum Wohle aller beiträgt.
Kurze Anmerkung 22.07.2025:
Ich habe den ursprünglichen Titel dieses Artikels geändert, weil mir klar wurde, dass er den Kernpunkt nicht so gut vermittelt wie der aktuelle Titel.
Erkennt man aber diesen Wert jedoch an, wird man oft gesellschaftlich zum Gegner der Authentizität z.B. im Fall der Abtreibung.
Es muss hier erwähnt werden, dass viele der linksliberalen Kritiken an der traditionellen Moral sich um Heuchelei drehen, nämlich dass religiöse Normen oft verletzt wurden, sogar von religiösen Menschen selbst. Doch vorzuschlagen, dass wir im Namen der Freiheit alle objektiven Werte dekonstruieren und über Bord werfen, ist keine wirkliche Lösung für dieses Problem. Ich betone noch einmal: Das sagen nicht alle linksliberalen Menschen. Ich behandle hier mehr oder weniger eine Reinform dieses Denkens.
The Case Against the Sexual Revolution (Die Anklage gegen die sexuelle Revolution), Louise Perry. Von mir ins Deutsche übersetzt.




Großartig. Konsens statt Nonsens. Danke für die ausgezeichnete Analyse.
Ich würde gerne mal eine kritische Perspektive auf deinen Text einnehmen. Zusammengefasst habe ich deine Argumentation wie folgt verstanden: Die links-liberale Weltsicht ist innerlich widersprüchlich, philosophisch defizitär und praktisch destruktiv. Nur eine Orientierung am objektiven, substantiellen Guten und am Gemeinwohl kann die Gesellschaft heilen und menschliches Gedeihen ermöglichen, wobei der christliche Glaube bzw. die philosophische Weltanschauung dahinter dieses Andere bieten könnte.
Wenn ich das richtig verstehe gestaltet sich der von dir aufgestellte Zusammenhang des Widerspruchs, gerade anders herum. Eine christlich religiöse Weltanschauung ist die Bedingung des Problems das du beschreibst. Lass mich das ausführen:
1. Christliche Moral und das Individuum
Ich denke es ist einfach zu erkennen, dass das Christentum eine Weltanschauung darstellt die den Einzelnen in den Vordergrund rückt und priorisiert, anders gesagt individualisiert. Sei es durch die Vorstellung, das Gott einen jeden im Blick hat, man also ständig unter Beobachtung steht und sein Verhalten daher "optimieren" muss, oder durch die Beichte offenlegen muss wenn letzteres fehlgeschlagen ist. Desweiteren ist der Mensch, also jedes einzelne Subjekt, nach Gottes Ebenbild erschaffen und seine wichtigste Schöpfung. Wir haben also ein im Kern "göttliches Subjekt". Das was du als Problematik des Privationismus beschreibst, die Sorge um das was es moralisch zu vermeiden gilt, entspringt also aus der (a) Vereinzelung des Menschen vor Gott und (b) eben durch eine Kultur der Vermeidung die im christlich religiös geprägten Wertekanon verankert ist.
2. Christliche Moral und der Liberalismus
Der Liberalismus als Staatsform und Ideologie ist darauf ausgelegt eine größtmögliche Freiheit für den Einzelnen zu gewährleisten und der Frage danach wie man darum Gesellschaft organisieren kann. Liest man Denker wie Dewey, Berlin oder Hayek (Neoliberalismus) legen alle eine Form von "im Kern vollkommenen Menschen" zugrunde. Die Idee ist also die eines "Samen" der sich entfalten und gedeihen soll, was nur unter der größtmöglichen Freiheit zur Ausschöpfung dieser angelegten Potenziale gelingen kann. Eben diese Idee speist sich aus der christlich religiösen Vorstellung des oben erwähnten "göttlichen Subjekts", wenn auch implizit.
3. Ableitung
Man könnte also denke ich durchaus das Argument machen, dass das Problem das die Lösung die du beschreibst, nicht die Lösung sondern der Ursprung des Problems ist. Vor diesem Hintergrund gibt es andere Aspekte deiner Arbeit wie die Naturbeherrschung (Horkheimer & Adorno: Dialektik der Aufklärung) oder das auseinanderbrechen "objektiver" Moralvorstellungen (Ulrich Beck Reflexive Moderne) die mit anderen Konzepten wesentlich besser (meiner Meinung nach) erklärt werden könnten und damit auch andere Lösungswege freilegen könnten, die an dem Bestehenden ansetzen und es weiterdenken, anstatt sich umzudrehen und auf eine "glorifizierte" Vergangenheit zu deuten, die wir so in dieser Ausprägung nicht mehr rekonstruieren können (ob wir wollen oder nicht).