flis04 🎞’s review published on Letterboxd:
Ich blicke in sie hinein, in diese Augen, dieses Blau, diese blauen Augen. So stechend wie unberechenbar und verführerisch. Versinken möchte ich in ihnen und vergessen. Treibend in ihrer Farbe, erinnernd an das kühle Wasser eines Flusses, fesselnd ihr Eindruck und immer kühler und kühler werden bis hin zu einem Gefühl des Frierens. Eiskalt ist dieser Blick des Engels, der mich mitreisst und ihn verfolgen lässt. Dort sehe ich sie wieder. Dieses kalte blaue Paar, versteckt unter einem dunklen Hut, hervorstechend zwischen der Krempe und dem oberen Ende des beigefarbenen Trenchcoats. Die Aura verschwimmt mit dem Regen auf den verlassenen Strassen. Eine Welt die genauso kalt wirkt wie der männliche Träger dieses Augenpaares. Er geht unter in dieser Welt, unscheinbar und doch ein Fremdkörper, denn nichts könnte lebloser wirken als er.
Es ist die Einsamkeit, die ihn umgibt, zu dem macht, was er ist und mich in einer verhängnisvollen Faszination ertrinken lässt. Kaum ein menschliches Gefühl umgibt dieses tickende Uhrwerk im Körper eines menschlichen Wesens. Arbeitend mit der Präzision einer Maschine, unaufhaltsam und unaufschiebbar. Ist man sein Ziel ist er dein Schicksal. Keine Emotion kann retten, kein Gefühl kennt Gnade. Er ist unabhängig von allem, die Einsamkeit sein Kern. Sie macht ihn zu dem, was er ist. Sie macht ihn verführerisch. Doch binden wird er sich nie. Denn höchstens ein Tiger im Dschungel könnte einsamer sein als ein Samurai.
Zum ersten Male möchte ich diese Review nun unterbrechen. Denn dies ist meine 1000ste Review auf Letterboxd. Somit ist es an der Zeit zurückzublicken und Danke zu sagen.
Am 26. Juli des Jahres 2020 entschied ich mich dazu mir einen Account auf Letterboxd zuzulegen. Eine überfällige Massnahme, war der erste Anlauf im Dezember 2019 noch an technischen Unstimmigkeiten gescheitert. So war ich nun plötzlich das erste Mal auf einer sozialen Plattform unterwegs. Angestachelt durch die eigene Liebe zum Film, zum Thema Filmkritik, welches ich erst durch den Kanal Cinema Strikes Back kennenlernte und durch diesen YouTube Kanal auch die Plattform Letterboxd.
Da ich aber keine Erfahrung beim Schreiben über Filme hatte, ich mir sogar selbst nicht so richtig über meinen Filmgeschmack im Klaren war, kommt mir mein Beginn mitsamt den ersten Gehversuchen im Schreiben von Reviews doch sehr chaotisch vor. Erst mit einem eigenen kleinen Projekt erhielt mein Vorgehen einen roten Faden. Im Februar 2021 begann ich mit dem ersten von bislang insgesamt drei gezielten Rewatch-Reihen. Die Texte zu allen elf Star Wars Live-Action-Kinofilmen sollten bewusst länger und ausführlicher ausfallen. Ausgehend davon entschied ich mich immer öfter längere Texte zu schreiben und wurde dabei immer öfter in den Kommentaren bestärkt.
Mittlerweile habe ich nun knapp über 200 Follower, eine Zahl, die ich mir nie erträumt hätte, die mir aber auch gar nicht so wichtig ist. Viel mehr erfreue ich mich an den paar netten Menschen, mit denen einige tolle Diskussionen entstanden und deren Reviews ich selbst mit Begeisterung konsumiere. So sehr ich im Grunde für mich selbst schreibe, genauso sehr geben diese Unterhaltungen diesem Hobby einen Sinn und zeigen mir, dass es noch genug andere Filmverrückte Menschen dort draussen in der weiten und fernen Welt gibt.
Ich kann gar nicht jeden nennen, mit dem ich mal schrieb und dennoch will ich mich wenigstens an ein paar Namen erinnern, die mir gerade durch den Kopf schiessen. Da wäre natürlich der voralberger Schrifsteller, dem wir alle die Daumen drücken, er möge doch endlich einen Verleger finden, denn seine Texte, die er ständig mit uns auf „seiner Spielwiese“ teilt, werden auf Letterboxd wohl immer unerreicht bleiben. Aber auch viele andere sind nicht zu vergessen. Der Mainzer Andy, ein Kopfgeldjäger mit teuflischer Zahl, jemanden der das 80er und 90er Actionkino so verehrt, dass er sich nicht nur nach einer von Sylvester Stallones berühmtesten rollen benannte, sondern auch das Testo-Projekt mit ins Leben rief. Dann wären da noch ein ehemaliger Lord, welcher nun eine Filmstube besitzt, ein Wiener mit Kappe, mit dem ich nicht nur über Wiener Friedhöfe und Wiener Kinos schrieb, und noch so viele mehr.
Eine Person muss noch genannt werden, da sie die wunderbaren Community-Weekends ins Leben rief und somit für zahlreiche großartige MoeMente sorgte. Aus dieser Community entwickelte sich dann auch die LB-Filmcrew auf Discord. Ich kann mich noch genau an den Abend erinnern, es war der 25.10.2022, ich kam gerade aus dem Kino, schlecht gelaunt, weil sich Sönke Wortmanns „Der Nachname“ als unbeschreibliches Desaster entpuppte, als ich von der Existenz dieses Servers erfuhr. Es folgten zahlreiche Diskussion, großartige Challenges und all jenen die an diesem Server mitwirken, aber auch einfach nur auf ihm aktiv sind gebührt mein Dank. Das wären zwei Martins, noch mehr Johannesse, Schweizer „Die drei ???“ Fans, Träume in Neon, ein sportlicher Coach, der seit neustem wohl auch Tik-Tok Tänzer ist und wiederum so viele mehr für die mir gerade einfach keine Umschreibung einfiel.
Und trotzdem muss ich einfach noch zwei User besonders hervorheben und hier auch nochmal ohne Umschreibungen, welche ich trotzdem in den vorherigen Zeilen bestehen lasse, benennen. Die Sprache ist natürlich von „20oldboy03“ und „MrSvipi“. Es wurde immer mehr sich zu komplexeren Reviews anzustacheln oder die ein oder andere Inspiration einzusammeln. Mit euch entstehen regelmässig die faszinierendsten Diskussionen, von euch kommen die besten Tipps, die wenn auch noch nicht geschaut, einen besonderen Platz in meinem schon jetzt überfüllten Geiste gefunden haben.
Ob nun genannt oder nicht, wer weiss, dass er oder sie gemeint ist, der Person sei mein Dank gewiss.
Nun stand ich noch vor einer grossen Entscheidung. Wie soll diese tausendste Review aussehen? Welcher Film soll Hauptbestandteil sein? Erste Frage löste ich doch recht schnell, der Aufbau ist nun ja auch zu bestaunen. Bei der Beantwortung des zweiten Problems holte ich mir die qualifizierte Unterstützung der Filmcrew. Ein Potpourri aus 24 Filmen stellte ich zusammen und fragte in die Runde, welches Werk sich denn nun am besten für diesen Anlass eignen würde.
Zur Auswahl stellte ich einen bunten Mix aus berühmten oder bedeutenden Werken, darunter „Lawrence von Arabien“, „Singing in the Rain“ oder auch „Der Genberal“. Gewünscht wurden hingegen unter anderem „Das Boot“, „Citizen Kane“, „Metropolis“ oder mehrfach tatsächlich „Once upon a Time in Hollywood“ und „The Handmaiden“. Der am meisten genannte Film war schliesslich aber „Der Pate“, was auch gleich der Grund war warum ich ihn nicht wählte. Mein Ziel war es einen Film zu finden, der als Meisterwerk gilt, filmhistorisch von Bedeutung ist und am besten noch mir selbst gefällt. Mit den hohen Bewertungen, die ihm auf fast jeder Bestenliste einen der höchsten Plätze bescheren, war mir die Wahl von „Der Pate“ aber einfach zu offensichtlich. Meine 1000ste Review sollte nicht über den Film handeln, den jeder wählen würde.
Zwei Personen kamen nun mit Tipps und Begründungen daher, die mich die Auswahl schnell auf zwei Werke begrenzen liessen und dann auch die Wahl, die ich kurzfristig änderte. Eigentlich hatte mich MrSvipi mit seinem Argument „[f]ür die 1000 [dürfe es] auch was längeres sein […]“ überzeugt. Nur fühlte ich mich nach „Dune Part Two“ plötzlich nicht mehr in der Lage über ein so schweres und mit zehn Stunden auch langes Kriegsdrama zu schreiben, geschweige denn es überhaupt erst durchzustehen. Die Wahl fiel auf die Alternative, auch weil Neon_Dreamer folgendes schrieb: „Der wird dir gefallen. Dafür würde ich meinen Hintern verwetten“. Der Hintern darf behalten werden und gleichermassen erfüllte „Le Samouraï“, im deutschen „Der eiskalte Engel“ all meine Anforderungen, denn vermutlich ist vielen gar nicht bewusst wie viel Melville damals prägte, wie viele Filme und Regisseure, die wir heute verehren.
Darum möchte ich mich nun auch zunächst den beiden Namen widmen, ohne die „Der eiskalte Engel“ niemals das geworden wäre, was er nun ist, Jean-Pierre Melville und Alain Delon.
Regie-Ikone, nicht nur für Frankreich, sondern für das gesamte Kino, vor allem in Bezug auf Thriller und den Kriminalfilm ist so nun einmal Jean-Pierre Melville. Ein durchaus eigenwilliger Künstler, der sich nie zu schade war, eigene Interpretationen zu seinen Werken Kund zu tun. Geboren im Jahre 1917 in Paris al Jean-Pierre Grumbach, erlebte er mehr oder weniger beide Weltkriege mit. Im zweiten Weltkrieg zählte er zu jenen Soldaten, die aus dem belagerten Dünkirchen gerettet wurden. Daraufhin schloss er sich der Resistance an, Erlebnisse, die er später auch in seine Regiearbeit „Armee im Schatten“ einfliessen liess, und wurde unter dem Namen Melville zum Schriftsteller. Erst nach dem Krieg wandte er sich dem Medium Film zu, vor allem interessiert an der Stilistik und Herangehensweise, welche das Kino vor dem zweiten Weltkrieg prägte. Hierbei ist allerdings nicht die Sprache vom naheliegenden französischen, sondern vom amerikanischen Film. Nachdem seine Karriere mit der Verarbeitung des Krieges begann, galt seine Aufmerksamkeit daher schnell den Vereinigten Staaten von Amerika. Er adaptierte den Stil des Film Noirs, wie er in Hollywood genutzt wurde und liess 1959 seinen Film „Two Men in Manhatten“ sogar im Big Apple spielen. Zurück in Frankreich entwickelte sich immer stärker sein eigener Stil und so arbeitete er auch mit dem aufstrebenden Star Jean-Paul Belmondo zusammen. Immer stärker konzentrierte sich Melville auf eine ganz andere Art der Milleustudie, prägte den Gangsterfilm und hatte sogar internationale Erfolg.
Sein berühmtester Film folgte dann 1967. Verbindend alle Elemente, an denen er sich vorher geübt hatte, erschuf er etwas, dass die Zukunft des Kinos verändern sollte. Einen grossen Anteil daran hat aber auch Alain Delon. Es war die erste von drei gemeinsamen Arbeiten der beiden Ikonen des französischen Kinos.
Delons Karriere im Filmgeschäft war zu diesem Zeitpunkt erst zehn Jahre alt. Sein erster grösserer Erfolg war hierbei das romantische Drama „Christine“ gewesen, das aus heutiger Sicht wohl vor allem deshalb noch relevant ist, weil sich am Set Delon und Romy Schneider kennenlernten. Zuvor noch Brigitte Auber liiert gewesen, entbrannte eine mehrjährige Liebesbeziehung mit Schneider. In dieser Zeit wurde Delon zum grossen Star. Filme wie „Nur die Sonne war Zeuge“ ebneten eine Karriere, in der Delon zwar oft als Protagonist jedoch selten als strahlender Held auftrat. Nach der Beziehung mit Romy Schneider und einer Liaison mit Dalida heiratete Delon 1964 Francine Novas, bekannt als Nathalie Delon. Warum gerade diese letzte Beziehung für den Film „Der eiskalte Engel“ von Bedeutung ist zeigt sich, sobald die Entstehungsgeschichte dieses Meisterwerks in den Vordergrund gerückt wird.
Delon hatte anfangs wenig Interesse an der Rolle. Er wollte seine Karriere weiterschmieden. Das Ziel war Amerika, Hollywood. Ein Kriminalfilm in einem filmischen Frankreich, von dem er sich emanzipieren wollte, ergab für ihn nur wenig Sinn. Doch Melville blieb hartnäckig und erhielt schliesslich einen Termin bei Delon, denn dieser musste die Rolle des Jeff Costello in seinem neuesten Werk einfach übernehmen. Melville nutzte die Zeit, um Delon aus seinem Drehbuch vorzulesen. Mehrere Minuten lang, in denen Jeff Costello in Vordergrund stand. Die Besonderheit bestand in einem Verzicht auf gesprochene Worte. Delon war fasziniert, denn dieses Drehbuch versprach etwas anderes zu sein als lediglich ein weiterer Krimi. Den Titel, angelehnt an einen Samurai, die Einsamkeit und das Thema, welches als Text in den ersten Minuten eingeblendet wird, beschrieb Delon später als so beeindruckend, dass er die Rolle übernahm.
Das Motto „Es gibt keine größere Einsamkeit als die des Samurai, es sei denn die eines Tigers im Dschungel.“, stammend aus einer alten Weisheit der Samurai zergeht einem wirklich auf der Zunge. Ob Delon die rolle allerdings auch übernommen hätte, wäre ihm bewusst gewesen, dass diese Weisheit niemand anderes schrieb als Jean-Pierre Melville selbst, wird man wohl nie erfahren.
Mit Alain konnte Melville nun aber auch Nathalie Delon gewinnen. Zu dieser Zeit kriselte die Ehe der beiden jedoch schon. Eine Schlüsselszene, in der sich Costello von seiner geliebten, gespielt von Nathalie, endgültig verabschiedet, darf auch als Abschied der Schauspieler gedeutet werden und verleiht der Szene noch mehr Kraft. Noch am selben Abend sollen sich Alain und Nathalie der Überlieferung nach zur Trennung entschlossen haben.
Es ist aber nicht nur die reine Entstehungsgeschichte, die zeigt warum „Der eiskalte Engel“ ein unglaublich faszinierendes Werk ist. Viel mehr zeigen diese Fakten, welche speziellen Menschen hinter dem Werk stehen. Ihre Ambitionen, ihre Arten zu denken, ihre Gefühlslagen treffen auf die Maschinerie eines Drehbuchs, welches diese Elemente in sich aufnimmt und vereint.
Das Ergebnis ist die formale Perfektion. Für die filmgeschichtliche Bedeutung ist etwas anders von Nöten. Filmgeschichte, die die Zukunft verändert kann man erst in der Zukunft erkennen und so blicken wir nun aus der Sicht von 1967 in die Zukunft und aus unserer gegenwärtigen leicht in die Vergangenheit.
Unser Ziel ist das Subgenre des Thrillers, der Kriminalgeschichte, des Actionfilms, welches sich mit den eiskalten Auftragskillern beschäftigt. Diese Auftragsmörder üben seither eine enorme Faszination auf uns aus. Sie sind Menschen wie keine anderen. Getrieben von einem komplexen, wie eigenwilligen moralischen Kompass morden sie nicht aus Habgier, nicht aus Rache und auch nicht um die Welt zu verbessern. Das einzige Motiv ist Geld, aber eben nicht jenes, welches wir aus Habgier erhalten wollen, sondern jenes welches wir als Bezahlung für unsere verrichtete Arbeit als faire Bezahlung verdienen. So wie wir die meisten Menschen täglich ins Büro, an die Kasse, in eine Fabrik oder diverse andere Arbeitsplätze gehen, macht sich ein Auftragskiller auf den Weg, um andere Menschen zu töten. Der Auftragskiller ist präzise, unabhängig und eiskalt. Ein eiskalter Engel.
Blicken wir zurück in die Filmgeschichte begegnen sie uns immer wieder. Jeff Costello war dabei zwar lange nicht der erste, aber der auf den sich fast alle darauffolgenden, die auch noch zusätzlich Eindruck hinterliessen. Man wähle ein nahes Beispiel, ein französischer Killer aus einem meiner Lieblingsfilme. Luc Besson übte zunächst mit „Nikita“ und erschuf anschliessend mit „Leon – Der Profi“ ein zeitloses Meisterwerk. Das liegt zu grossen Teilen auch an Leon, dem der Einfluss eines Jeff Costello anzumerken ist. Er wirkt leicht verhaltensgestört, meidet soziale Kontakte, weiss sich nicht wirklich in das rege Treiben der Gesellschaft einzugliedern und arbeitet präzise wie ein Uhrwerk. Somit ist Leon allein und einsam, scheint kaum zu leben wie ein Mensch. Sein Tagesablauf folgt Routinen. So trinkt er immer nur Milch, sein einziger Freund ist eine Zimmerpflanze. Wie Costello, der lediglich mit einem Dompfaff im Käfig befreundet ist. Und selbst dieser besitzt eine Funktion. Trotzdem sind uns beide sympathisch. Leon, weil er Mathilda aufnimmt, Costello, weil er nicht unsympathisch ist.
Wenn ich hier von Auftragskillern im Film spreche, dann eben jenen die Protagonisten sind. Natürlich sollen wir als Zuschauer mit ihnen mitfiebern. Dabei geht man gerne den Weg wie Luc Besson in „Leon – Der Profi“ und macht die Figur aktiv durch ihr Handeln zum Sympathieträger. Zahlreiche Figuren dieser Art lassen sich nun auf Costello zurückführen. Leon war nur ein Beispiel, aber auch Fincher orientiert sich mit „The Killer“ zumindest in der Kleidung des Killers an Costello. Was Costello nun von den zahlreichen anderen Killern unterscheidet, ist seine Tauglichkeit als Hauptfigur, ohne durch seine Taten gar so etwas wie menschlich zu wirken. Als Zuschauer sympathisiert man mit ihm durch das entstehende Verständnis für seine Einsamkeit, durch die Akzeptanz gegenüber seiner beinahe maschinellen Vorgehensweise. Man bewundert seine Art sich zu bewegen sich zu verhalten. Eine Art und Weise, die in der Popkultur mehrfach zitiert, kopiert und imitiert wurde. So findet sich auch in einem David Bowie ein wenig Jeff Costello wieder.
Allerdings sollte man „Der eiskalte Engel“ in seiner Bedeutsamkeit nicht nur auf Jeff Costello reduzieren. Stil und Inszenierung gelten als Höhepunkt in Melvilles Karriere, in dieser Erzählung erfuhr alles Vorherige können noch einmal einen finalen Feinschliff. Daraus resultiert der Einfluss auf Regisseure, die als Meister ihres Faches gelten. Melville als Inspiration verwundert vielleicht gar nicht so sehr, doch sowohl David Fincher, Martin Scorsese, Michael Mann als auch John Woo zitierten „Der eiskalte Engel“ oder bezeichneten ihn in Interviews sogar eindeutig als Vorbild. Auch ein Quentin Tarantino liess es sich nicht nehmen über Melville zu schwärmen, einer seiner Lieblingsfilme ist natürlich „Der eiskalte Engel“. All diese Regisseure gelten als Visionäre des Kinos und sie alle wurden von „Der eiskalte Engel“.
Nur macht Bedeutsamkeit allein noch keinen guten Film. Immer wieder prägen Filme, die selbst nur durchschnittlich sind, nachfolgende Werke und kreative Köpfe. Nun ist es tatsächlich unwahrscheinlich, dass oben genannte Regisseure diesen Film allesamt verehren würden, wäre er lediglich von durchschnittlicher Qualität. Dennoch möchte ich nun genauer ins Detail gehen und Melvilles Perfektion etwas näher unter die Lupe nehmen.
Man mag nun bei einem so hoch gelobten Thriller erstmal erstaunt sein, wenn man auf die Einfachheit der zugrundeliegenden Geschichte trifft. Keines Twists, keine Wendungen. Melville erzählt geradlinig und entschleunigt von Jeff Costello. Einem Auftragsmörder, der den Auftrag annimmt in einem Club einen Mann zu ermorden. Doch es läuft nicht alles nach Plan. Costello wird gar verhaftet, in wirklicher Gefahr befindet er sich zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht. Ein perfektes Alibi verschafft ihm sofort wieder die Freiheit. Nur entstehen dadurch zwei Probleme. Zum einen bekommen Costellos Auftraggeber kalte Füsse und wollen sich seiner entledigen, zum anderen besitzt der ermittelnde Kommissar ein feines Näschen und heftet sich, ohne auch nur den Hauch eines Beweises zu besitzen, an Costellos Fersen.
Wie alles in diesem Film ist die Handlung auf das Wesentliche reduziert. Auch wenn Costello nicht in jeder Szene anwesend ist, so ist doch er Herzstück der Geschehnisse. Es geht um ihn, sein Wesen, seine Psychologie und sein Innenleben. Die Einfachheit erweist sich in dieser Hinsicht als überaus konsequent. Costello interessiert sich schliesslich nicht dafür, wen er umbringt und warum. Die Auftraggeber und die Opfer bleiben im Hintergrund, ihre Motivation ist nebensächlich. Für Costello ist ein Klient nur dann von Bedeutung, wenn er ihn hintergeht und dann auch nur so lange wie er noch Leben wird. Eine Zeit, die man vermutlich in Stunden abzählen kann.
Somit konzentriert sich Melville schnell auf das Wie statt auf das Was. Das Vorgehen seiner Figuren treibt den Film voran, so getaktet und präzise wie Melvilles Vorgehen. Melvilles Handhabung greift nun eine alte Regel des Filmemachens auf: „Show don’t Tell“. Nonverbales Erzählen steht im Vordergrund und wirkt so erfüllend, wie selten. Es funktioniert, wenn für mehr als die ersten sieben Minuten kein einziges Wort gesprochen wird. Trotzdem erfährt man als Zuschauer mehr über die Figuren als es jedes Wort in der Welt in der Lage wäre zu erzählen.
Das wiederum liegt daran, dass sich die verschiedenen Personen, welche dieses Paris bevölkern sich auch einfach nichts zu sagen haben. Jeff Costello spricht nur wenn es sein muss. Es gibt keine sozialen Kontakte, die er pflegen müsste, kaum jemanden der seiner Worte bedarf.
Die Handlung trägt sich grösstenteils durch die Inszenierung. Sie übernimmt das Sprechen, zeigt das Innenleben dieser Vielzahl an kalten Menschen in einer kalten Welt. Diese Kälte wird von der Farbgebung beständig untermauert. Die Charaktere wandeln durch ein kühles Blau, stehen im Regen und scheinen nicht zu wissen, welche Farbenvielfalt in der restlichen Welt vielleicht existieren könnte. Nichts überlässt Melville dem Zufall. Farbgebung, das Wetter und die menschenleere Umgebung fügen sich präzise ineinander, wie die Rädchen in einem überaus komplizierten Uhrwerk. So präzise wie Costellos Vorgehen, so fehlerfrei wie die Ermittlungen, des Kommissars. Eine Präzision, die sich auch in den seltenen Dialogen wiederfindet. Jedes Wort wird in die Waagschale geworfen, keine Silbe scheint verschwendet. Reduktion. Reduktion in Sprache, Menschen, Handlung und der gesamten Welt. Der auf diese Weise entstehende Kosmos nimmt daher beinahe surreal wirkende Züge an. Jeff Costello existiert in einer Parallelwelt, so wie alles um ihn herum.
Dies ist eine Welt der Einsamkeit, wie es die fiktive Bushido Weisheit bereits im Vorspann vorwegnimmt. Jeff Costello ist der Samurai, oder eben der Tiger im Dschungel der Grosstadt. Die Farblosigkeit von Paris ist im Einklang mit seiner Kleidung, die erläuterte Reduktion ist abgestimmt mit seinem Auftreten. Wir sehen die Welt durch Jeff Costellos Augen, sehen wie er in dieser welt ebenso gefangen ist, wie sein Dompfaff in dessen Käfig. Verdammt für immer allein zu sein, sich niemanden anvertrauen zu können. Das macht in zum perfekten Killer, nur macht der Killer ihn nicht zum Manne des Alleinseins. Dieses Geheimnis lüftete Jean-Pierre Melville selbst. Costello leidet an einer schizoiden Persönlichkeitsstörung. Er ist ein Mensch, der nicht in diese Welt passte, der heraussticht, in dessen Sichtweise sich jedoch alles an seine Emotionslosigkeit anpasst. Ein Fremder unter Fremden. Ein Eindruck den Melville eben visuell erzählt. Der film beginnt und endet mit der gleichen verwackelten Einstellung, die beide Male ein Unbehagen auslöst, als wandele man in einem Traum. Tatsächlich wandelt man im Geiste eines eiskalten Engels. Der Zuschauer folgt einem Psychogramm, welches einen Menschen ohne Eigenschaften zeigt. Delon spielt Costello zurückhaltend, nahezu nie eine Miene verziehend und distanziert. Niemals lächelt er. Reduziert auf ein Leben streng folgend einer Handvoll klaren Prinzipien. Mehr Psychologie gibt es nicht. Dafür ganz viel Einsamkeit.
Davon dann gleich so viel, dass sie nicht bei Costello verbleibt. Niemand zeigt Emotionen oder Gefühle. Auch von Costellos Geliebter geht eine eisige kälte aus. Von nichts lässt sie sich aus dem Konzept bringen, auch nicht von einem aufdringlichen Ermittler, der Mitgefühl heuchelt und doch erkennen lässt, dass dies nur ein Mittel zum Zweck darstellt. Die Einsamkeit ist somit überspitzt. Die Frage, die sich nun stellt ist, sind die anderen Figuren wirklich so einsam oder ist diese erste Kamerafahrt vielleicht ein Schleier der Einsamkeit, welcher und für 105 Minuten die Welt aus Costellos Perspektive erleben lässt, auch wenn er nicht anwesend ist.
Neben der Einsamkeit lässt sich allerdings noch ein weiteres enorm wichtiges Motiv bestimmen. Melville verehrte den amerikanischen Film-Noir und genau das merkt man „Der eiskalte Engel“ auch an. Melville zitiert, lässt sich inspirieren und erschafft daraus etwas Neues, was wiederum für mehrere Jahre kopiert werden wird, nur dass dann nicht mehr der Film-noir als Herkunft bestimmt werden kann, sondern eben Melvilles Meisterwerk über den Auftragskiller Jeff Costello.
Dessen Auftreten ist angelehnt a den dauerhaft qualmenden Detektiv der schwarzen Serie, nur dass Costello nicht dauerhaft raucht. Ebenso ist er nicht der düstere Held, der versucht Gerechtigkeit zu erwirken. Nein, Costello bildet eine eigene Seite, er kämpft nur für sich selbst. Es wird deutlich, dass Melville eben nicht nur zitiert, er adaptiert und dekonstruiert klassische Motive, Elemente und Situationen.
Auffällig ist hierbei der Umgang mit der Femme Fatale. Nahezu jeder Film-Noir trägt sie ihm Herzen. Diese eine wunderschöne Frau, meist durchtrieben und doppelbödig, aber stets ein Verhängnis für den traurigen Helden. In sie verliebt sich der Detektiv, sie will er retten, ihr helfen. Ein Entschluss der in tief in den Sumpf aus Mord und Korruption hineinzieht. Für ihn kann die Femme Fatale fatal sein. Jeff Costello hingegen begegnet gleich zweien dieser Damen. Eine ist seine Geliebte und ein wichtiges Alibi, die andere Pianistin in jenem Club, welcher zum Tatort wird, und somit wichtigste Zeugin, denn sie hat Jeff Costello gesehen. Gesehen beim Verlassen des Zimmers, an dessen Schreibtisch nun kein lebendiger Mensch, nein eine Leiche weilt. Costellos Leben liegt nun in den Händen beider Damen, doch entgegen den Manierismen des Noirs verwickeln sie ihn nicht in ein perfides Spiel, schaden ihm nicht aktiv. Von diesen Femme Fatales geht keine aktive Bedrohung aus. Und dennoch wird eine ihm zum Verhängnis. Melville selbst erläuterte, dass er in der Pianistin Valerie, verkörpert von Cathy Rosier, eine Inkarnation des Todes sehe. Jenen Tod, welcher für Costello die einzige Erlösung bieten kann.
Ein wichtiges Element blieb bisher unerwähnt, vermutlich noch einige weitere, doch dieses Eine muss seine in höchstem Masse verdienten worte erhalten. Worte, die mir der Gewohnheit nach schwerfallen. Die Sprache ist selbstverständlich von der Filmmusik. Das eine Element, welches alle Versatzstücke eines Filmes zu den grossen Ganzen wachsen lässt, welches er am Ende darstellt. Insbesondere mir ist Filmmusik in einzigartigem Masse wichtig. Sie erlaubt mir einen Blick in die Gefühlswelt des Werkes, keinen analytischen, sondern einen emotionalen. Dennoch oder gerade darum fällt es mir besonders schwer darüber zu schreiben, über die Musik eines Films.
Dabei hätte der Soundtrack von Francois de Roubaix nichts anderes verdient als eine Huldigung und Lobpreisung die auf ewig ihresgleichen suchen und dennoch scheitern würde. Denn genau das, was ich zu umschreiben versuchte ist diese Musik. Das entscheidende Bindeglied, welches Melvilles Perfektion erste vollendet und so zur endgültigen Perfektion befördert.
Die Magie, der Schlüssel besteht in einer einmaligen Mischung aus Klängen des Jazz und einer Musik, die aus einer elektrischen Orgel zu stammen scheint und somit nicht weiter entfernt vom Soundteppich eines Noirs sein könnte. Wieder stösst man auf das Zitat, ergänzt um eine Weiterentwicklung. Gerade diese Eigenständigkeit übernimmt im Soundtrack die tragende Rolle, wird zum ständigen Begleiter von Jeff Costello. Sie verstärkt das Gefühl der Einsamkeit, das Blau der Stadt und die Nässe des Regens. Erst durch die Musik von Roubaix erreichen die einzelnen Momente jene Kraft, die mich als Zuschauer erstarren lassen.
Bevor ich nun bereits zum Fazit vordringe und somit klarstellen kann, dass dies lediglich mein zweit längster Text auf Letterboxd sein wird, möchte ich noch einmal unterbrechen und mich bei all jenen herzlichst bedanken, die bis hierhin durchgehalten haben. Das ist ohnehin und bei dieser länge schon mal gar keine Selbstverständlichkeit. Und auch wenn ich erster Linie für mich selbst schreibe, freut es mich enorm zu wissen, dass es Menschen gibt, die diese Zeilen lesen und mögen das auch nur ganz, ganz wenige sein.
Ich habe mir für diese 1000ste Review nun noch etwas besonderes überlegt. Eine Challenge. Seit ich Teil der LB-Filmcrew bin wagte ich mich immer öfter an Challenges heran, nahm an ihnen Teil, wenn auch nie an vorderster Front. Im Jahr 2023 setzte ich mir zum ersten Mal eine eigene Jahreschallenge vor. Ich wollte binnen dieses einen Jahres mindestens 17 filme schauen, die vor 1960 produziert worden waren. Das gelang mit Leichtigkeit und bereitete mir obendrein Freude mein filmisches Wissen auszuweiten. Doch 2024 habe ich mir keine Jahreschallenge ausgedacht. Das hatte einen Grund.
Ihr, die ihr bis hierhin mitgelesen habt, seit meine neue Challenge. Ich möchte euch bitten, jeder einen Film herauszusuchen (und diesen in die Kommentare zu schreiben), der Teil meiner neuen nun persönlichen Challenge werden soll. Dieser Film kann einer eurer Lieblinge sein, ein Geheimtipp, ein Film, mit dem ihr mich aus unempfindlichen Gründen quälen wollt oder einer ganz anderen Motivation entspringen. Nur ein paar Einschränkungen muss es geben. Zum einen darf ich den Film noch nicht kennen, da ich natürlich wieder meinen filmischen Horizont erweitern möchte. Weil ich nicht alle meine bisherigen Sichtungen meines Lebens geloggt habe, würde ich einen Vorschlag immer absegnen oder falls ich ihn bereits kenne, anbieten einen neuen Vorschlag zu nennen. Zum anderem muss ich an den film herankommen können. Da ich keine Streamingdienste abonniert habe, fallen alle Streamingexclusives somit weg. Stattdessen sollte der Film entweder auf YouTube zu leihen oder als DVD oder Blu-Ray erschwinglich sein. Erschwinglich bedeutet, dass ich maximal 15€ für eine DVD auszugeben bereit bin. Berechtigt mir Filme vorzuschlagen ist jeder, der zu dem Zeitpunkt, an welchem ich diesen Text hochlade, bereits zu meinen Followern gehört. Die Zeit, in der ich Nominierungen annehme, beträgt von diesem Moment an eine Woche also sieben Tage. Demnach werde ich alle vorgeschlagenen Filme am 08. April 2024 in einer Liste versammeln und mir genau ein Jahr Zeit nehmen, um alle zu sichten. Jede Review wird dabei selbstredend der Person gewidmet, die das Werk vorgeschlagen hat.
Ich hoffe das war soweit verständlich, bei Fragen einfach melden. Nun können wir auch endlich zum Fazit voranschreiten.
Am Ende komme ich zweifelsfrei zu dem Schluss, dass „Der eiskalte Engel“ tatsächlich die perfekte Wahl für meine eintausendste Review darstellt. Eben weil es kein monumentales Epos ist, zu dem ich vielleicht noch mehr Worte hätte verlieren können, sondern weil es ein Film ist, der zu mir passt, mit dessen Machart ich mich identifizieren kann. Ein Film der meinen Geschmack trifft wie nur wenige Werke sonst. Trotz Distanz zu den Figuren, verstehe ich ihre Gefühle, ihre Einsamkeit. Das ist ausschlaggebend dafür, dass sich automatisch ein Interesse entwickelte, noch tiefer in den Film einzutauchen. Ich las mir also zahlreiche Artikel durch, schaute einzelne Szenen nochmals und versuchte so immer tiefer in das, was Jean-Pierre Melville schuf, einzutauchen. Begleitet von dem regelmässig ertönenden Soundtrack begriff ich, dass eine bislang unbekannte Sehnsucht ihre vorherbestimmte Erfüllung fand. Trotz Erstsichtung steht der Höchstwertung nun nichts mehr im Wege, denn selbst Wochen nach der Sichtung hat „Der eiskalte Engel“ immer noch nichts von seiner betörenden Faszination eingebüsst. Nein, er beschäftigt mich immer noch, die Bilder eines einsamen Alain Delon, dessen Gesicht nur in einer einzigen Szene die kalte Hülle fallen lässt und den alleingelassenen Kern seiner Hilflosigkeit preisgibt.
„Der eiskalte Engel“ ist ein bedeutsames wie zeitloses Meisterwerk, nicht nur seines Genres, sondern der gesamten Filmgeschichte. Aus heutiger Perspektive bricht Melville stark mit den Sehgewohnheiten, schient der dialogarme Thriller doch schon fast behäbig durch seine 105 Minuten Laufzeit zu schleichen. Das ganz ohne Actionszenen, tatsächlich lassen sich alle abgefeuerten Waffen an einer Hand abzählen und auch eine Verfolgung wird eher durch Cleverness dargestellt, denn durch wildes Gerenne. Die atemlose Hatz führt Costello mit der Welt, jener Welt, die ihm fremd ist, aus welcher er einen Ausweg sucht und findet. Gespannt verfolgt der Zuschauer somit der Interpretation eines kalten Killers, der nur durch seinen traurigen Blick mit Sympathie das eigene Herz erobert, obwohl er zu keinem Zeitpunkt auf der Seite des Gesetzes steht. Nur ist er ein Rebell, ein Rebell gegen alles, was er nicht versteht. Man kann hier Interpretieren, Bezüge herstellen zur politischen Weltlage, welche nur wenig später die 68er Bewegung zu Tage förderte. Nur in „Der eiskalte Engel“ findet dieser Kampf noch nicht statt, alles verliert sich im Stillstand und einer deprimierenden Trostlosigkeit. Aus dieser zieht sich Melville seine ganz eigene Stilistik heraus. Eine Bildästhetik, sich treffend mit einzigartiger Musik, reduzierten Schauspiel und unterkühlter Handlung. Was schwer greifbar klingt, wird durch längeres Nachdenken zu einem der melancholischsten und poetischsten Thriller der Geschichte des Bewegtbildes. Ein Film, der alle Lorbeeren und Lobpreisungen verdient und nicht umsonst ein ungleich bedeutsames Werk ist. Das ist „Le Samouraï“, eine Geschichte über die Einsamkeit des Samurais, am ehesten vergleichbar mit jener eines Tigers im Dschungel.