Selber schuld?
Wären sie doch nur Männer gewesen!
„Betone zum Wohle der Gemeinschaft bitte die Fehler und die Naivität der zwei jungen Ladys.”
Ich bin geschockt, als er das sagt, tue aber so, als wäre ich es nicht.
Am anderen Ende der Telefonleitung ist der Leiter von Alto al Crimen, einer Anti-Verbrechens-Organisation in Boquete, Panama. Er hat mit dieser Aussage Gutes im Sinn: für die Gemeinschaft, für den Tourismus, für das Image eines Ortes, den die Bewohner als Paradies bezeichnen. Dafür opfert er zwei Frauen, indem er ihnen die Schuld an ihrem eigenen Tod zuschiebt, obwohl sie nichts falsch gemacht haben.
Ein ungeklärter Vermisstenfall
Die zwei jungen „Ladys“, deren Fehler und Naivität ich betonen soll, sind Kris Kremers und Lisanne Froon. Zwei niederländische Studentinnen, die im April 2014 in der Nähe von Boquete verschwunden sind. Ihre Überreste (sehr wenige) wurden Monate später gefunden. Was genau ihnen zugestoßen ist, ist bis heute ungeklärt.
Ich recherchiere seit drei Jahren zu diesem Fall. Ich habe dreitausend Seiten Ermittlungsakten gelesen. Ich war monatelang in Panama, habe mit Zeugen gesprochen, mit der Kriminalpolizei, mit Anwälten und Privatdetektiven. Und ich habe gelernt, in Gesprächen wie diesem eine Rolle zu spielen, nämlich die Rolle des harmlosen Mädels, der ungefährlichen Reisebloggerin. Ich bleibe ruhig, zurückhaltend, sage viel Aaaah und Ooohh, und verrate vor allem nicht, was ich denke.
Klingt feige? Ist es nicht. Ich habe diese Taktik gewählt, um zu erfahren, was ich erfahren will, weil die Leute offener sprechen, wenn sie denken, dass ihnen nichts passiert. Der Chef von Alto al Crimen hätte aufgehört zu reden, wenn ich widersprochen oder für die beiden Frauen Partei ergriffen hätte.
Verlaufen. Fall erledigt?
Was mich an diesem Telefonat außerdem beschäftigt, ist noch etwas anderes: Er sagt, was viele denken – auch in den Behörden, die eigentlich für Aufklärung sorgen sollten. Die Ermittlungen zu Kris und Lisanne wurden zu Beginn als kriminalistische Ermittlungen behandelt. Man war sicher, dass ein Verbrechen stattgefunden hatte. Die Behörden sagten selbst: „Auf diesem Weg haben wir noch nie einen einzigen Menschen verloren. Wir haben sie immer gefunden.“1
Zehn Wochen später taucht im Wald ein Rucksack auf und der Fall wird geschlossen. Für die Staatsanwaltschaft steht fest, dass Lisanne und Kris sich – nun doch – verlaufen haben. Ich, und mit mir Millionen von anderen, die über den Fall nachdenken, frage mich bis heute: Inwiefern ist ein Rucksack ein Beweis dafür, dass kein Verbrechen stattgefunden hat? Vor allem unter dem Aspekt, dass alles darin (Sonnenbrillen, Handys, Kamera) unversehrt war?
Die Körper der Frauen werden also im Fluss in Stücke gerissen, die man zum Großteil nicht einmal findet, aber ihre Sachen nehmen überhaupt keinen Schaden? Wie soll das gehen?
(Der Rucksack ist nur einer von Dutzenden von Ungereimtheiten, die in ihrer Gesamtheit deutlich für ein Verbrechen sprechen. Mehr erfährst du in unserem Buch.)
Zwei Fälle, ein Mechanismus
Ich denke jeden Tag an den Fall. So auch, als ich vor ein paar Tagen die Berichte über Collien Fernandes gelesen habe. Die Schauspielerin hat Anzeige erstattet wegen digitaler sexualisierter Gewalt. Doch das Verfahren wurde eingestellt. Erst Jahre später, nämlich jetzt, wo der öffentliche Druck zugenommen hat, weil der Täter ihr eigener Mann sein soll und sie sich trotzdem weiterhin für ihr Recht einsetzt, erst jetzt tut sich richtig was.
Zwei Fälle unter Millionen von Fällen, nicht vergleichbar in dem, was passiert ist, ein Jahrzehnt auseinander, auf verschiedenen Kontinenten. Und doch ist da derselbe Mechanismus: Institutionen, die versagen, Menschen, die die Schuld den Frauen zuschieben, Akten, die geschlossen werden, bevor alle Fragen beantwortet sind. Menschen, in diesen Fällen Frauen, werden Opfer von Gewalt, weil der Schutz nicht ausreicht und weil sie nicht vollkommen ernst genommen werden.
Was hat das Frau-Sein damit zu tun?
Diese Frage stelle ich mir, seit ich an dem Fall arbeite. Nein, ehrlich gesagt schon viel länger, nämlich seit ich als Jugendliche selbst Opfer sexualisierter Gewalt geworden bin und der Polizist, bei dem ich eine Anzeige machen wollte, mir davon abriet, den Täter anzuzeigen.
Ich stelle die Frage immer noch, und sie wird in mir drin immer lauter. Manchmal ist sie so laut, dass ich schreien will.
Hätte der AaC-Chef dasselbe gesagt, wenn Kris und Lisanne Männer gewesen wären? Hätten die Behörden gründlicher und schneller gesucht, wenn die beiden Frauen Männer gewesen wären? Hätte man Männern überhaupt unterstellt, dass sie sich verlaufen haben? Würden die Leute auch sagen „selber schuld“, wenn Lisanne und Kris Männer gewesen wären?



Ich muss gestehen dass ich euer Buch nur in Etappen lesen kann, da ich so unfassbar sauer werde während des lesens.
Ich kann es einfach nicht fassen wie gearbeitet wurde und das zivilsten mehr für den Fall getan habe und tun.
Aber es ist sehr gut geschrieben. Mir gefällt die Aufteilung sehr gut, vom faktischen erzählen zu Deinen Eindrücken und Erlebnissen vor Ort.
Hab dein Buch auf der Liste. Deine Einblicke in deine Arbeit vor Ort sind extrem interessant!