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Feuilleton & Firlefanz

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Zwei gute Texte – einer über Hochhäusler, einer über Jarmusch

Zwei gute Texte – einer über Hochhäusler, einer über Jarmusch
Christoph Hochäusler (Martin Kraft unter CC BY-SA 4.0) und Jim Jarmusch (Harald Krichel unter CC BY-SA 4.0); Collage inkl. Zuschnitt von mir

Wer Cuts (und auch die Specials bzw. deren Teaser vor der Paywall) hört, der kommt regelmäßig in den Genuss der Einführungen von Lucas Barwenczik. (Zum Beispiel hier für Kelly Reichardt.) Aktuell sind auch zwei Texte von ihm erschienen, die ich euch ans Herz legen möchte.

Einmal ist da ein Porträt des Kinos von Christoph Hochhäusler beim Filmdienst, dessen neuer Film DER TOD WIRD KOMMEN morgen in den deutschen Kinos anläuft.

Das Kino von Christoph Hochhäusler ist eines der latenten Wahrnehmungen. Es zeigt nicht große, plötzliche Veränderungen, sondern Figuren, die jene Transformationen zur Kenntnis nehmen müssen, die sich schon seit Jahren vollziehen. Nicht unmerklich, aber mit einem fremdartigen Rhythmus, der jeden ins Stolpern bringt, der sich ihm anpassen will. Die Welt ist im Wandel. Die Menschen werden andere, und das Kino muss sich ebenfalls ändern. „In guten Filmen findet Gegenwart Form, kristallisiert sich im Schnittpunkt zweier Fragen“, schreibt Hochhäusler 2008 in seinem Blog „Parallel Film“: „Was ist wirklich?“, „Was ist möglich?“
Christoph Hochhäusler und seine Filme
Der 1972 geborene Christoph Hochhäusler studierte vor seiner Regie-Ausbildung Architektur und ist mit seinem Blog „Parallel Film“ und als Mitherausgeber der Zeitschrift „Revolver“ auch als Filmpublizist bekannt. Beides prägt seine Regiearbeiten wie aktuell den Film noir „Der Tod wird kommen“. Hochhäusler inszeniert nahe am Genrefilm, lässt in seinen Geschichten aber zugleich durchscheinen, dass sie Illusionen sind. Dadurch kommt ihm im deutschen Kino eine einzigartige Stellung zu.

Und dann ist da noch die Ergründung des Kinos von Jim Jarmusch, das anlässlich des Kinostarts von FATHER MOTHER SISTER BROTHER vor zwei Wochen erschienen und drüben über meinen Schreibtisch gewandert ist.

Natürlich hat Jarmusch etwas mit der schwer greifbaren Sozialfigur des Hipsters zu tun. Mit Avantgarde und Bohemien, mit Außenseitertum, der No Wave, Beat-Poeten, Post Punk und Slackertum. Die Menschenmassen im ersten Film? Der Mainstream. Jarmusch ist ein Nostalgiker, aber eine besondere Art dieser Spezies. Er fragt sich jeden Tag aufs Neue, welche Zeit schon immer die beste war. Er hängt nicht sklavisch an dem, was war, sondern erkennt in jeder Zukunft das Potenzial für eine neue Vergangenheit. Zeitgeistigkeit, nur eben latent.
News | Themen | Sehnsucht nach Seitengassen: Über das Kino von Jim Jarmusch
Er ist schon ein Elder Statesman des US-Indie-Kinos, doch noch immer zeichnet sein Kino ein zersplitterter Blick auf die Welt aus, Menschen und Bilder…

So geht hin und schmökert!

Podcasttipp: Die Lieblingsschülerin – „Wie kann das unbemerkt passieren?“

Ein Team des Deutschlandfunks hat eine beeindruckende, bedrückende und beharrliche Recherche über sexualisierte Gewalt an Schulen, von Lehrern an Schülerinnen, in knapp fünf Podcaststunden verarbeitet.

Drei Schülerinnen sind 15 Jahre alt, als ihre Lehrer mit ihnen eine Beziehung beginnen. Viele Jahre später fragen sich die Frauen, warum dieser emotionale und sexuelle Missbrauch an ihren Schulen lange unbemerkt stattfinden konnte. Der Podcast „Die Lieblingsschülerin“ erzählt von ihren persönlichen Erfahrungen und legt die strukturellen Probleme im Schulumfeld offen. Er fragt, wie Pädagoginnen, Lehrkräfte und Gesellschaft verantwortungsvoller mit Nähe, Macht und Sexualität umgehen können.

Ich finde, dem Podcast gelingt durch die Entscheidung, drei Geschichten parallel zu erzählen, eine sehr gute Gratwanderung. So wird einerseits mit der Mär von den bedauerlichen Einzelfällen gebrochen, andererseits reichen die drei Fälle wiederum, um abstrahieren und Schlüsse auf systemische Probleme ziehen zu können.

Vieles davon mag nicht neu sein. Aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass es immer noch derartiger Recherchen bedarf, weil von den zuständigen Behörden kaum mehr als Lippenbekenntnisse zu kommen scheinen.

Die Lieblingsschülerin
Drei Schülerinnen sind 15 Jahre alt, als ihre Lehrer mit ihnen eine Beziehung beginnen. Heute fragen sie sich: Wie konnte der emotionale und sexuelle Missbrauch lange unbemerkt bleiben? Ein Podcast über sexualisierte Gewalt an Schulen und die Folgen.

Warum die Lust an der Gewalt? (Neues von Contrapoints)

Die Durststrecke hat praktisch ein ganzes Jahr angedauert, aber nun hat uns Natalie Wynn endlich wieder mit einem neuen Video bedacht! Entlang der SAW-Filmreihe setzt sie sich über anderthalb Stunden hinweg mit der filmischen Inszenierung von Gewalt auseinander und fragt sich, warum wir als Publikum bestimmte Gewalt abstoßend, andere anziehend oder gar befriedigend finden.

Das Essay funktioniert natürlich auch, wenn man keinen einzigen SAW gesehen hat. Ich zum Beispiel habe mir das – und anderen Torture-Porn – bisher nicht angetan und plane es eigentlich auch nicht. Mir erschien die Gewalt in der Reihe von außen betrachtet immer sehr beliebig, zynisch und eben auch grotesk und schlicht eklig.

Cold Mountain (2003) - Irritierende Entpolitisierung

Cold Mountain (2003) - Irritierende Entpolitisierung
Bild: Paramount Pictures
US/IT/RO · R: Anthony Minghella · D: Jude Law, Nicole Kidman, Renée Zellweger, Brendan Gleeson, Philip Seymour Hoffman, Natalie Portman, Donald Sutherland, Ray Winstone · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Krieg ist schlimm. Im Krieg gibt es (fast) nur Verlierer*innen – sowohl in den Schützengräben und Schlachtfeldern als auch weiter hinter den Frontlinien, zu Hause unter den Frauen und Kindern. COLD MOUNTAIN verpackt das in einen irritierenden Versuch der Entpolitisierung oder gar der Reinwaschung des (Bürger-)Krieges. Ob das wirklich das Ansinnen war, sei mal dahingestellt. Aber es fällt schon auf, dass zentrale Kriegsmotive wie die Sklaverei durch einen Halbsatz im Voiceover aus dem Weg geräumt werden. Schlimm sind auch die Figuren, die allesamt nur zu Gast scheinen in dieser Welt, aber nicht darin leben. Der Film ist durch die Bank fehlbesetzt.

★½☆☆☆

In the Mouth of Madness (1994) - Wirklichkeit als Verhandlungsmasse

In the Mouth of Madness (1994) - Wirklichkeit als Verhandlungsmasse
Bild: Warner Bros., Plaion Pictures
US · R: John Carpenter · D: Sam Neill, Julie Carmen, Jürgen Prochnow, David Warner, Charlton Heston, John Glover · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Wirklichkeit ist kein feststehendes Konstrukt, sondern Gegenstand permanenter Aushandlung und letztlich Ergebnis dessen, worauf wir uns kollektiv geeinigt haben. Deshalb müssen wir als Menschheit einander vertrauen, um unserer Wirklichkeit trauen zu können. Die Abkehr von Vernunft und Aufklärung bedeutet daher Realitätsverlust und den Abstieg in den sprichwörtlichen Wahnsinn.

Das Drehbuch verknüpft das eng mit (institutionalisierter) Religion, und Carpenter verleiht dem nicht nur durch die tatsächliche Kirche in der Mitte des Films Ausdruck, sondern auch in der Art und Weise, wie er die Psychiatrie inszeniert. Die oberen Hallen dieses Gebäudes sind in Reinheit vorgaukelndes Weiß gehüllt und unendlich hoch wie ein Kirchenschiff, Lautsprecherdurchsagen erfolgen wie die Predigt von der Kanzel.

Doch im verliesartigen Keller zeigt sich die wahre Fratze der „Kirche“, des Opiums des Volkes. Dort wird jegliches evolutionäres oder gar revolutionäres menschliches Potenzial erstickt.

★★★★☆

The Secret Agent (2025) - Ringen um Familie und Geschichte

The Secret Agent (2025) - Ringen um Familie und Geschichte
Bild: Port-au-Prince Pictures, Central Film Verleih
BR/FR/NL/DE · R: Kleber Mendonça Filho · D: Wagner Moura, Tânia Maria, Maria Fernanda Cândido, Gabriel Leone, Alice Carvalho, Udo Kier · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Das Ringen um die eigene Familie wird zum Ringen um die eigene Geschichte. Beides konnte während der Militärdiktatur in Brasilien von einem Moment auf den anderen ein Ende finden. Wie in Walter Salles' I'M STILL HERE ist das Motiv der Zeug*innenschaft zentral für den Film. Die Tonaufnahmen der zahlreichen Gespräche sind nicht unbedingt Absicherung, sondern Versicherung, dass die Geschichten dieser Leben nie einfach wie möglicherweise die Menschen einfach verschwinden, sondern die Zeit überdauern und irgendwann zu Ende erzählt und auch rekonstruiert werden können.

THE SECRET AGENT gelingt der Slow Burn außerordentlich gut und konstruiert entlang der Handlung viele kleine Momente, in denen sich spiegelt, wie eine Gesellschaft unter autoritärer Herrschaft kippt und umgekippt wird – etwa über die Alltäglichkeit und die folgende Desensibilisierung von zunehmend grotesker Gewalt; oder über die Herbeiführung ökonomischer Zwänge, um Korruption zugunsten von Regimegewalt um sich greifen zu lassen.

★★★★☆